Ausbildungsbetriebe jetzt entlasten

Interview. Walter Ruck, Präsident der Wirtschaftskammer Wien, über die Corona-Folgen und die Lehrlingsausbildung als Chance.


© Juerg Christandl

WK Wien-Präsident Walter Ruck möchte auch Erwachsene für eine Lehre begeistern.

Die Pandemie hinterlässt in der Wiener Wirtschaft tiefe Spuren. WK Wien Präsident Walter Ruck spricht im Interview darüber, welche Impulse gerade für Ausbildungsbetriebe derzeit wichtig wären.

Die aktuelle Corona-Situation verschärft sich wieder. Welche Auswirkungen erwarten sie auf die Wiener Wirtschaft?
Walter Ruck: Die Wiener Unternehmen sind nach wie vor von der Corona-Pandemie stark betroffen. Bisher sind Wirtschaftsforscher von einem rund vier-prozentigen Minus der realen Wertschöpfung in Wien für 2020 ausgegangen. Ich hoffe aber doch, dass wir hier wieder rasch in eine Aufwärtsbewegung kommen. Das ist natürlich stark von der weiteren Entwicklung der Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen abhängig.

Wie sehr wird es den Wiener Arbeitsmarkt treffen und in welchen Bereichen ist mit besonders großen Folgen zu rechnen?
Die Lage ist von Geschäftszweig zu Geschäftszweig sehr unterschiedlich. Besonders hart ist es in Wien vor allem für Branchen, die mit dem Tourismus verbunden sind, zum Beispiel die Gastronomie, die Hotellerie, die Kongresswirtschaft. Aber auch Eventveranstalter oder die Nachtwirtschaft sind von Corona stark betroffen. Wichtig für alle Unternehmen sind die Rahmenbedingungen: Wir müssen die Sanierung von Unternehmen in Schwierigkeiten frühzeitig beginnen und den Zugang zu Eigenkapital erleichtern. Das wird sich auch positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken.

Interessant ist, dass es auf der einen Seite eine große Jugend-Arbeitslosigkeit gibt, auf der anderen Seite große Betriebe verzweifelt nach Lehrlingen suchen. Wie lässt sich diese Situation erklären?
Unternehmen kritisieren häufig, dass Lehrstellenbewerber oft nicht ihren Anforderungen entsprechen. Die Betriebe wünschen sich mehr Praxisbezug und Wirtschaftsnähe in der schulischen Ausbildung.

Ist auch hier eine Ursache in der Pandemie zu finden?
Nein nicht direkt. Die Pandemie wirkt sich insofern aus, dass von ihr der Tourismus aber auch der Handel besonders betroffen sind. Das sind gerade in Wien für die Lehrausbildung wichtige Branchen.

Welche Maßnahmen müssen nun gesetzt werden, um die Lehre für die Zukunft zu attraktivieren?
Grundsätzlich ist die Lehre eine attraktive Ausbildung. Gerade jetzt ist es wichtig, Ausbildungsbetriebe zu entlasten. Ein Ansatz wäre, ihnen die Kommunalsteuer für Lehrverhältnisse zu erstatten. Wir sollten auch Erwachsene verstärkt für eine Lehre begeistern. Für sie ist die Lehrlingsentschädigung allerdings finanziell nicht attraktiv genug. Hier kann man mit einem Lehrlingsstipendium für Erwachsene gegensteuern. Auch an der Bürokratieschraube kann man drehen, beispielsweise bei der Auflösung von Lehrverträgen oder bei den statistischen Meldepflichten.

Autor: Stephan Scoppetta

 

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