„Mit Fortbildung ließe sich viel bewegen“

Interview. Georg Knill, neuer Präsident der Industriellenvereinigung, über den anhaltenden Fachkräftemangel trotz Pandemie.


© Alexander Müller

Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung, sieht eine wirtschaftliche Erholung.

Trotz hoher Arbeitslosigkeit ist der Facharbeitermangel in Österreich weiterhin ein Problem. Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung, über die aktuelle Situation in der heimischen Wirtschaft und Lösungsansätze für die Zukunft.

Sie wurden vor dem Sommer zum neuen Präsidenten der Industriellenvereinigung gewählt. Hätten Sie sich eine einfachere Zeit für die Übernahme dieses Amtes gewünscht?
Georg Knill:
Es ist keine einfache Zeit. Aber im Wirtschaftsleben gibt es sehr selten Phasen, in denen keine Herausforderungen zu meistern sind. Erst vor einem Jahr eskalierte zum Beispiel der Handelskrieg zwischen den USA und China. Allerdings ist die Corona-Krise die größte Wirtschaftskrise der 2. Republik. Für dieses Jahr erwarten wir einen Wirtschaftseinbruch von 7,6 Prozent. Alleine in der Industrie rechnen wir mit einem Verlust von rund acht Milliarden Euro. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Wir haben die Talsohle durchschritten und sehen eine Erholung.

Werden die enormen Folgen dieser Krise nicht erst im dritten und vierten Quartal bei den Unternehmen wirklich sichtbar werden?
Die Kreditschutzverbände erwarten nun eine Insolvenzwelle und ich denke, in einzelnen Branchen wird diese auch kommen. Was die Industrie betrifft, bin ich zuversichtlich, dass keine große Insolvenzflut zu erwarten ist. Die Situation am Arbeitsmarkt wird aber weiterhin angespannt bleiben. Ich kann auch nicht ausschließen, dass es auch in der Industrie aufgrund der allgemein schwierigen Lage zu Kapazitätsanpassungen kommen wird.

Die Industrie klagt trotz hoher Arbeitslosenzahlen über einen Fachkräftemangel. Hat sich dieses Problem jetzt nicht entschärft?
In einigen Bereichen hat sich die Lage ein bisschen entspannt, aber insgesamt gibt es ein Missmatch zwischen dem Bedarf qualifizierter Fachkräfte in der Industrie und den sehr vielen Arbeitslosen, die leider nicht die geforderte Qualifikation mitbringen. Hier könnte man mit Fortbildungsprogrammen ansetzen, dann ließe sich viel bewegen. Hinzu kommt, das Thema der Mobilität. Während in Wien das Thema Fachkräftemangel vielleicht nicht so gravierend ist, fehlen in Oberösterreich und der Steiermark qualifizierte Fachkräfte. Viele Industrie-Unternehmen in Österreich suchen trotz Krise qualifiziertes Personal.

Sollte nicht auch die Industrie für die Ausbildung der Mitarbeiter eine Verantwortung übernehmen?
Wir setzen zahlreiche Maßnahmen, um besonders jungen Menschen einen Beruf in der heimischen Industrie schmackhaft zu machen. Neben vielen Initiativen, die die Unternehmen selbst setzen, gibt es zum Beispiel eine Industrielehre. Diese duale Ausbildung bietet neben viel Praxis auch eine theoretische Ausbildung. Interessant ist, dass wegen der Corona-Pandemie viel von einer verlorenen Generation gesprochen wird, während in der Industrie viele Lehrstellenplätze mangels Bewerber unbesetzt sind. Wir suchen händeringend Lehrlinge!

Welche Chancen bietet uns diese Krise?
Ich bin davon überzeugt, dass wir gut durch diese Krise kommen können. Nun gilt es, gemeinsam die richtigen Schlüsse zu ziehen und die entsprechenden Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Wenn wir die vorhandenen Mittel effizient in die Bereiche Digitalisierung, Investitionen, Forschung, Bildung und Klima investieren, werden wir in den nächsten Jahren einen großen Sprung nach vorne machen.

Autor: Stephan Scoppetta

 

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