Mitarbeiter dringend gesucht

Arbeitsmarkt. Trotz der hohen Arbeitslosigkeit in Österreich geht der „War for Talents“ weiter.

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Viele Unternehmen nutzen derzeit die Chance, gute Mitarbeiter anzuwerben

 

Vor rund einem Jahr brach die Corona-Krise aus und in den vergangenen zwölf Monaten kostete diese vielen Menschen in Österreich den Job. Ende März waren 457.817 Personen arbeitslos und 486.000 Personen zur Kurzarbeit angemeldet. Damit lag die Arbeitslosenquote Ende März bei 9,4 Prozent, ein Wert der zwar um 1,3 Prozentpunkte gegenüber dem Februar gesunken ist, aber noch immer um 89.000 Personen höher liegt als noch im März 2019. AMS-Vorstand Johannes Kopf: „Ein Vergleich mit März 2019 zeigt klar, dass diese schreckliche Krise bei aller Hoffnung auf eine baldige Impfung bei Weitem noch nicht vorbei ist.“ Doch trotz der großen Arbeitslosigkeit steht der Wettlauf um qualifizierte Mitarbeiter nicht still. Der „War for Talents“ geht weiter und Unternehmen müssen sich weiterhin um ihre zukünftigen Mitarbeiter sehr intensiv bemühen, denn in manchen Bereichen wie der IT-Branche oder auch dem Gesundheitssektor besteht heute ein noch größerer Mangel an Fach-kräften, wie noch vor der Pandemie.

 

Hohe Loyalität

Laut einer aktuellen Studie von TQS Research & Consulting fürchten trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage nur 14 Prozent der rund 1.000 befragten Österreicher ihren Job zu verlieren. Dieter Scharitzer, Professor am Institut für Marketing-Management an der Wirtschaftsuniversität Wien: „Aktuell schlägt die Arbeitsmarktkrise durch die Kurzarbeit noch nicht voll auf den Markt durch. Ein konkreteres Bild wird sich hier erst abzeichnen, wenn die Kurzarbeitsprogramme im Juni auslaufen.“ Aber natürlich erhöht die Krise am Arbeitsmarkt auch die aktuelle Wechselbereitschaft. Scharitzer: „Trotz einer hohen Loyalität der Mitarbeiter zu ihren Arbeitgebern sind 25 Prozent der heimischen Arbeitnehmer in der Krise mobil und möchten in den nächsten zwölf Monaten den Arbeitgeber wechseln.“ Dabei werden aber laut TQS Research & Consulting die Aussichten auf einen guten neuen Job von den Österreichern eher schlecht bewertet. Glaubten im April 2020 noch 49 Prozent der Befragten, dass die Chancen auf einen neuen Job gut oder sehr gut stehen, so sind es im März 2021 nur noch 26 Prozent die glauben, dass sie gute oder sehr gute Jobaussichten haben.

 

Employer Branding

Obwohl die Krise am Arbeitsmarkt für viele neue Entwicklungen gesorgt hat, nimmt das Händeringen um die besten Köpfe trotz Corona weiter kein Ende. Karin Krobath, Partnerin der Employer Branding Agentur Identifire: „Es gibt einen großen Missmatch zwischen den Arbeitslosen, die derzeit eine Arbeit suchen und jenen Jobprofilen, die derzeit von den Unternehmen gesucht werden. Der Facharbeitermangel in Österreich hat sich trotz Pandemie in den vergangenen Monaten nicht wesentlich gebessert.“ 

Auch das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) schätzt den Fachkräftebedarf in Österreich auf 177.000 Personen. Im Vergleich zum Vorjahr wo noch 207.000 qualifizierte Beschäftigte fehlten, ist dieser Wert zwar etwas gesunken, aber der Bedarf an Fachkräften bleibt weiter hoch. Das Institut hat für den „WKO Fachkräfte-Radar 2020“ insgesamt 4.431 Unternehmen österreichweit befragt und 62 Prozent der Unternehmen spüren einen starken oder sehr starken Fachkräftemangel. 58,6 Prozent der Unternehmen haben offene Stellen für Fachkräfte. Der Mangel an Fachkräften wirkt sich negativ auf die heimische Wirtschaft aus. 46 Prozent der befragten Unternehmen schränkten wegen des Fachkräftemangels ihre Innovationstätigkeit ein. 61 Prozent gaben an, dass sie wegen des Fachkräftemangels Umsatzeinbußen verzeichneten.

Arbeitgeber gefordertFür Arbeitgeber bedeutet das, dass sie rasch handeln müssen – bevor es andere tun. Krobath: „Auch wenn momentan durch Corona mehr Fachkräfte auf den Jobmarkt gespült werden beziehungsweise die Wechselbereitschaft von Fachkräften steigt, müssen sich die Unternehmen jetzt darum bemühen, denn sobald der Konjunkturmotor wieder anläuft, sind diese „High Potentials” ganz schnell wieder vom Markt.“ 

Zudem ist es wichtig, wie die Unternehmen nun in der Krise agieren, um das Vertrauen der bestehenden Mitarbeiter zu erhalten. Krobath: „Führungskräfte müssen nun sehr viel Fingerspitzengefühl haben, welche Krisenmaßnahmen in einem Unternehmen gesetzt werden. Wer falsch agiert, verliert seine Top-Mitarbeiter, die später schwer zu ersetzen sind.“ Gift für jede Arbeitgebermarke sind dabei Kündigungen, denn diese können sich negativ auf die Identifikation mit dem Arbeitgeber auswirken. Krobath: „Wir sehen in unserer täglichen Arbeit, dass das Top-Management die Tragweite einschneidender Personalentscheidungen nicht auf die leichte Schulter nimmt und die Sorge um die Mitarbeitenden auch in Krisenzeiten im Vordergrund steht.“

 

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Gesundheits-Boom

Besonderer Bedarf besteht bei Krankenschwestern und Pflegeberufen. Krobath: „Wie groß dieser Mangel ist, hat man während der Corona-Pandemie gesehen, als ausländische Pflegekräfte nicht mehr nach Österreich einreisen konnten.“ Laut Schätzungen ist in Österreichs bis zum Jahr 2050 mit einem Anstieg pflegebedürftiger Menschen von derzeit 450.000 auf 750.000 Menschen zu rechnen. Laut Caritas wären dafür mehr als 50.000 zusätzliche Pflegekräfte notwendig, aber das Interesse an den Berufen ist auch in der aktuellen Situation nicht besonders groß. Krobath: „Solange an den grundlegenden Jobbedingungen in diesem Sektor nichts geändert wird, wird sich dieser Mangel in den nächsten Jahren auch nicht beheben lassen. Noch immer ist die Bezahlung unterdurchschnittlich und die Rahmenbedingungen für die schwer belastenden Pflegeberufe bleiben weiterhin schlecht.“

 

Chefs gefordert

Auch im Bereich der Führungskräfte zeichnet sich eine Trendwende ab, wobei sich die Wechselbereitschaft auf dieser Ebene nicht wesentlich geändert hat. Michael Schaumann, Managing Partner der Personalberatung Stanton Chase: „Top-Leute sind immer neugierig gegenüber Top-Engagements. Die Wech-selwilligkeit von diesem Führungskräften ist auch in Krisenzeiten nicht wirklich eingeschränkt, denn diese nehmen mehr Risiko als anderen in Kauf und sind grundsätzlich offener, neugieriger und wollen nie stehen bleiben.“ Aber ein entscheidender Faktor bleibt auf der Spitzenebene der Employer Brand. „Top-Leute gibt es nicht so viele und diese können es sich auch aussuchen, wohin sie gehen und entscheiden natürlich nach dem „Brand“ des Unternehmens. Jeder Top-Manager hat sich seine eigene Marke mit viel Fleiß und Einsatz erarbeitet und möchte sich diese nicht durch einen schlechten Brand eines Arbeitgebers beschädigen lassen“, so Schaumann. Aber auch Führungskräfte müssen nun neue Skills mitbringen, die nicht jedem in die Wiege gelegt sind. Schaumann: „Die größte Herausforderung ist das „Digitalen Führen“: Wer erfolgreich digital führen möchte, muss Ergebnis-, statt Verhaltensorient führen und das erfordert einen anderen Management-Typus.“

Autor: Stephan Scoppetta

 

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