Die prekären Arbeitsbedingungen der 24-Stunden-Betreuung

Von 24-Stunden-Betreuerinnen wird Pflege "mit Hingabe" erwartet, arbeiten müssen sie aber oft unter schlechten Bedingungen.

Im Alter gut betreut zu Hause zu leben, den Lebensabend in den eigenen vier Wänden verbringen – dieser Wunsch ist in Österreich sehr verbreitet. Die Pflege und Betreuung von älteren Familienangehörigen soll nicht zur Aufgabe des Wohlfahrtsstaates werden, sondern in der Familie bleiben.

Doch es ist eine fordernde Arbeit, die sich neben einer Erwerbsarbeit eigentlich nicht ausgeht. Die sogenannte 24-Stunden-Betreuung nimmt österreichischen Familien die Care-Arbeit ab. Die Betreuer sind fast immer Selbstständige, überwiegend aus Osteuropa, mehr als 90 Prozent sind Frauen. Die Vermittlung an die Haushalte wird von Agenturen übernommen.

Internationales Forschungsprojekt

Die Betreuerinnen leben mit der oder dem Pflegebedürftigen unter einem Dach. Sie führen den Haushalt und begleiten durch den Tag. Sie übernehmen diverse Pflegearbeiten, helfen bei Toilettengängen, bei der Körperpflege und der Einnahme von Medikamenten.

Obwohl die Betreuerinnen damit eine sehr intime Arbeit innerhalb der Familie übernehmen, begegnen sie oft mangelnder Wertschätzung und kämpfen mit schlechten Arbeitsbedingungen, zeigt eine aktuelle Studie. Die Soziologin Brigitte Aulenbacher von der Johannes-Kepler-Universität Linz, analysierte darin gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz das Feld der 24-Stunden-Pflege.

Wenig Pausen und Auszeiten

Mit Fokus aus Österreich skizziert das Forscherteam mehrere Konfliktherde. Die Untersuchung ergab, dass es den Pflegerinnen oft schwerfällt, die Arbeitszeit von der Ruhezeit abzugrenzen. Die Aushandlung darüber führt oft zu Konflikten, aus Gesprächen weiß Forscherin Aulenbacher, dass nicht jeder Haushalt den Betreuerinnen Pausen gönnt.

Neben der Care-Arbeit würden den Betreuerinnen Aufgaben wie Garten- und Landwirtschaftsarbeit übertragen, oder Haushaltsarbeit für Verwandte. Eine andere Herausforderung betrifft das Zusammenleben. Von der Betreuungskraft werde erwartet, sich in den Haushalt einzupassen, an die Haushaltsordnung zu halten und dabei „mit Hingabe“ zu pflegen, so Aulenbacher.

Agenturen in Machtposition

„Gleichzeitig wird aber keine gute Arbeitsbedingung gewährleistet.“ Dieser Grundkonflikt durchziehe den Alltag der 24-Stunden-Betreuung. Problematisch sei auch, dass Betreuungskräfte und Betreute und ihre Angehörigen selten als gleichberechtigte Partner aufeinandertreffen, sagt Forschungsmitarbeiter Michael Leiblfinger bei der Studienpräsentation.

Zwischen ihnen stehen die Vermittlungsagenturen, in Österreich gibt es mittlerweile rund 950. „Vermittlungsagenturen nehmen eine Schlüsselposition ein, indem sie das Betreuungsverhältnis anbahnen“, erklärt Aulenbacher.

Sie übernehmen das Matching, die Vertragsgestaltung und die Verhandlung der Honorare und prägen damit auch die Bedingungen der Betreuungsverhältnisse. Die Selbstständigkeit der Betreuerinnen wird damit untergraben, Kritiker sprechen von Scheinselbstständigkeit.

Entschärft werden könnte die Situation laut Aulenbacher unter anderem durch faire, transnationale Kooperationen. Denn Agenturen würden für ihre Vermittlungsarbeit oft in wirtschaftlich schwache Länder ausweichen und so Pflegekräfte finden, die aufgrund ihrer finanziellen Notlage auch zu schlechten Konditionen arbeiten.

Autor: 
Ornella Wächter