Alfred Pritz: "Das Handeln hilft, Krisen zu überwinden"

Krisen sind zu einem Dauerzustand geworden, allerorts ist Erschöpfung zu spüren. Wie wir damit umgehen können und wie Unternehmen dabei unterstützen müssen erklärt Alfred Pritz, Psychoanalytiker und Gründer und Rektor der Sigmund Freud Privatuniversität Wien.

sagt Alfred Pritz. „Die Antwort ist ,Nein‘. Denn käme auch nur ein einziges Kind zu Schaden, ich könnte damit nicht umgehen. Aber Putin geht über Leichen.“ Alfred Pritz stellt sich Fragen, wie diese, völlig ernsthaft. Der Mann denkt über alles nach, über jede Etwaigkeit, lässt sich nicht abschrecken. Auch nicht von Krisen, weder den individuellen noch den kollektiven.

Wir wollen von dem Psychoanalytiker wissen, wieso diese schnelle Abfolge von Krisen so viele so fertig macht und wie jeder Einzelne diesem Erschöpfungszustand entkommen kann. Allem voran müsse man helfen, nicht im Passivsein versinken, sondern handeln, sagt Alfred Pritz, der Gründer der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien.

KURIER: Professor Pritz, es stellt sich ein kollektiver Erschöpfungszustand ein. Was ist los?
Alfred Pritz: Ja, das ist ganz sicher so. Ganz spezifisch bezogen auf die vergangenen zweieinhalb Jahre, seit die Pandemie ausgebrochen ist. Diese Pandemie hat sich wie eine Glocke über die ganze Welt gelegt, nicht nur über einzelne Menschen. Dieser psychische Abwehrkampf gegen die Pandemie, der verbraucht sehr viel Energie.

 

Wir kämpfen ja nicht mehr nur gegen die Pandemie. Findet dieser innerliche Abwehrkampf denn bei allen Krisen statt?
Ja, dieses Erschöpfungsgefühl setzt nach allen Krisen ein, sowohl nach kollektiven als auch nach individuellen. Die Pandemie ist eine kollektive Krise und auf die Dauer macht einen fertig. Bei uns ist es zum Glück nicht so schlimm gekommen, wie man am Anfang gedacht hat – denken Sie an die Bilder von Bergamo. Man hat mit der Zeit mehr Sicherheit im Umgang mit der Pandemie bekommen. Aber es gab tatsächlich viele Leute, die gar nicht hinausgegangen sind. Das stresst unheimlich.

 

Was genau ist es, das so unheimlich stresst?
Wenn man das bisherige Leben nicht weiterführen kann und sich plötzlich umstellen muss.

Kurier/Gerhard Deutsch

Der Rektor in seinem Büro in der Sigmund Freud Privatuniversität im 2. Bezirk in Wien  


Sie haben vorhin den anstrengenden, psychischen Abwehrkampf, den wir bei Krisen führen, angesprochen. Wie äußert sich das in der Gesellschaft, bei den Menschen?
In Folge der Pandemie haben jetzt sehr viele Menschen eine depressive Stimmung. Die Angst ist in den vergangenen Jahren sehr gestiegen.

 

Wir sind eine Hochleistungsgesellschaft mit einem starken Drang zur Selbstoptimierung – kollektive Krisen waren uns fremd. Werfen diese Krisen deswegen so viele um? Macht uns der Kontrollverlust zu schaffen?
Wir sind in diesen Zeiten schon besonderem Stress ausgesetzt. Das ist nicht üblich. Es gab zwar immer große kollektive Krisen, etwa die Sintflut – alle werden mit Mann und Maus vertilgt, nur die Rechtgläubigen bleiben über –, die sieben Plagen, die Pestepidemien, die spanische Grippe.
 
Die kollektive Erinnerung hat diesbezüglich schon einiges auf Lager. Aber unsere Generation war, wie Sie sagen, damit bisher nicht in hohem Ausmaß konfrontiert. Diese Hilflosigkeit, der wir jetzt ausgesetzt sind, ist für viele Menschen schwer zu ertragen. Zuerst die Pandemie, die nicht vorbei aber abgemildert ist und jetzt der Krieg, der so nah ist, weil uns die Menschen so ähnlich sind.
Das macht uns verwundbar, weil wir sehen: das sind Menschen wie du und ich. Gekoppelt ist das allerdings mit einer unglaublichen Hilfsbereitschaft, die in ganz Europa zu spüren ist.

 

Ist diese Hilfsbereitschaft eine Strategie, um die Hilflosigkeit, die wir in globalen Krisen spüren, zu überwinden?
Es ist das Handeln, das hilft, Krisen zu überwinden. Das Verharren, das Passivsein, das stoppt. Daher ist diese Hilfsbereitschaft ein wichtiges Asset, um die Hilflosigkeit zu besiegen.

 

Wie lange dauert es in der Regel, bis man Krisen überwunden hat?
Krisen sind gekennzeichnet durch eine kürzere Zeitdauer. Die Krise ist also gekennzeichnet durch ein vorher und ein nachher. Wenn man es objektivieren würde, dann dauern Krisen einige Wochen, würde ich sagen. Wenn eine Krise aber nicht bewältigt wird bis die nächste folgt, dann sprechen wir von einer Chronik.

 

 

Pandemie, Klima, jetzt Krieg, wir können kaum durchatmen ...
Ja, und das sind nur die globalen Krisen. Dabei kann man durchaus das ganze Leben als eine Abfolge von vielen Krisen sehen.

 

Wie meinen Sie das?
Ein Lebenslauf lässt sich durch die Abfolge von Bewältigungskrisen einteilen, bis ins hohe Alter, bis man sich mit der Endlichkeit auseinandersetzt. Zu den kollektiven Krisen gesellen sich nämlich noch jede Menge individuelle Krisen. Etwa durch den Partner, in der Auseinandersetzung mit sich selbst, ob man Kinder will, in welche Richtung man sich beruflich entwickelt, am Arbeitsplatz und so weiter.
 
Krisen sind immer und überall auffindbar. Die Krisen verlassen uns nie. Sie haben nur unterschiedliche Färbungen und unterschiedliche Intensitäten. In all diesen Phasen können wir abstürzen oder uns weiterentwickeln.

 

Wieso können manche mit Krisen besser umgehen als andere?
Das hängt damit zusammen, dass die großen Krisen unsere Persönlichkeit stimulieren ...

 

Können Sie das bitte näher erklären?
Wenn ich etwa selber unter Existenzangst leide, dann ist es wahrscheinlicher, dass mich eine Pandemie erst recht darin bestärkt, dass die Welt unsicher ist. Während robustere Menschen dieses Gefühl nicht so haben. Sie sagen sich: „Ja, das ist eben so. Es ist ein Virus und aus. Was können wir tun.“
 
Menschen, die ins Handeln kommen, die tun sich leichter. Beim Krieg ist es etwas anderes. Das ist auch eine kollektive Krise, aber da klingen andere Dimensionen bei uns an. Die Dimensionen Zweiter Weltkrieg, Atomkrieg. Aber auch hier gibt es verschiedene Reaktionen. Die einen sagen, das ist Gerede, die anderen fürchten sich wirklich davor.
 
Jeder reagiert unterschiedlich auf kollektive Krisen. Aber heiter ist niemand gestimmt. Sondern immer wieder kommen diese depressiven Gefühle und Angstgefühle im Spiel.

Kurier/Gerhard Deutsch

Psychoanalytiker  Alfred Pritz: Ein Fachmann für Krisen – für die individuellen und die ganz großen kollektiven


Viele sehnen sich nach Normalität. Gibt es überhaupt noch ein Normal?
Diese globalen Krisen wünscht sich niemand. Das sind Plagen, die über uns hereingefallen sind. Wir hätten genug alltägliche Krisen. Wir bräuchten nicht die globalen Krisen. Natürlich ist ein Aufatmen spürbar und wir wünschen uns, dass diese Plagen verschwinden.

 

Was macht es mit uns, wenn wir ständig mit Krisen konfrontiert sind? Wird man mit der Zeit resilienter oder abgestumpfter?
Abgestumpft? Das würde ich nicht sagen. Man lernt, damit umzugehen. Wenn wir an Corona denken: Wir haben viele kollektive Erfahrungen damit, jeder an seinem Arbeitsplatz und in der sozialen Umgebung. Wir haben gesehen, bei manchem war man übertrieben ängstlich, bei manchem nicht.
Man beginnt sich zu adaptieren und schätzt die Krise unterschiedlich ein. Man beginnt die Gefahrenseiten besser einzustufen und auch die Möglichkeiten, wie man dem entkommen kann.

 

Wird allgemein unterschätzt, welche psychischen Schäden diese Krisen in der Gesellschaft anrichten können?
Nein, glaube ich nicht. Ich glaube, dass wir als Gesellschaft mit den Krisen realistisch umgehen. Wir lernen es. Wir haben zum Beispiel das Home Office ausprobiert. Manche sind froh, dass sie jetzt nicht mehr im Home Office sein müssen, andere wieder haben das sehr zu schätzen gelernt.
 
Es gibt Firmen, die bis zu einem Drittel ihrer Belegschaft jetzt im Home Office haben wollen, weil das für die Firma und Mitarbeiter besser ist. Interessant ist, wie sich dadurch neue Organisationsräume öffnen. Aber die Pandemie ist noch nicht am Ende, wir wissen noch nicht, was Finalmente herauskommt.
Beim Krieg ist es etwas anderes, da ist es jetzt einmal wichtig, dass man den Geflohenen hilft, die ein neues Leben benötigen. Deren Lebensvollzug wurde unterbrochen.

 

Nehmen nun auch viele Menschen, die nicht direkt und in diesem Ausmaß wie die Geflohenen vom Krieg betroffen sind, diese Krise zum Anlass, um existenzielle Fragen für sich zu beantworten?
Ja, es berührt existenzielle Fragen und verlangt Antworten. Manche trauen sich jetzt zu leben. Oder sie treffen andere Entscheidungen, wie zum Beispiel „Ich will keinen Job machen, der mich nicht ausfüllt. Ich will machen, was mir eigen ist.“ Viele Menschen stellen sich diese existenziellen Fragen durch diese ausgelösten Krisen.

 

Hat der Mensch nur eine gewisse Kapazität, um sich mit Themen auseinanderzusetzen, und wenn das Fass voll ist, dann ...?
Also in das Fass geht sehr viel hinein. Viele Krisen passen in dieses Fass. Der Mensch ist sehr flexibel und adaptionsfähig. Im Gegenteil: Es ist viel mehr überraschend, wie viele Menschen originelle Lösungen für ihre Existenzen in dieser Zeit finden. Und wenn jemand erkennt, dass es für ihn genug ist, dass er etwas verändern muss, dann ist das in den meisten Fällen der richtige Weg.
 
Also ich beobachte ja oft, dass Menschen nichts Neues wagen, weil sie sich eingerichtet haben, und es einigermaßen eh geht. Solche Krisen bieten einem auch immer die Möglichkeit, etwas Neues zu wagen.

 

Ute Frevert, eine Historikerin, sieht in Krisen eine Zeit für Inventur – wie kommt man zu einem positiven Verständnis im eigenen Chaos?
Ja, Krisen bieten immer auch Möglichkeiten. Manche haben das früh gelernt und haben genug Stabilität, um dieses Neue zu wagen, und andere nicht. Die leiden dann sehr unter dieser Situation und sehen nur die Nachteile und werden depressiv und ängstlich und sehen die Möglichkeit der Entwicklung nicht.

 

Wie können Unternehmen Hilfestellungen geben? Sollen sie viel Unterstützung geben, wenig? Sollen sie mehr Freiheiten einräumen oder mehr vorgeben?
Das sind Fragen, die ich mir als Leiter einer Universität jeden Tag stelle.

 

Wie bewerten Sie sie?
Jeden Tag aufs Neue. Es gibt Firmen, die haben sehr starre Regeln und die sind manchmal zu starr für so aktuelle Krisen.

Kurier/Gerhard Deutsch

Autor: 
Andrea Hlinka