Bernd Hufnagl: "Wir brauchen keine zwei Wochen Urlaub"

Wie wir alle hirngerechter arbeiten können und warum es keine langen Auszeiten braucht, erklärt Neurobiologe und Buchautor Bernd Hufnagl im Interview.

Man hat den ganzen Tag Telefonate geführt, E-Mails geschrieben und To-Do-Listen abgearbeitet, weiß nach getaner Arbeit aber nicht mehr, was man geleistet hat. Oder man ist zu erschöpft, um darüber nachzudenken. Vielleicht gelingt es auch überhaupt nicht mehr, am Ende des Tages abzuschalten. „Es geht vielen Menschen so. Diese Anzeichen sollte man ernst nehmen“, sagt Bernd Hufnagl.  Der KURIER hat den Neurobiologen und Autor, der sich für hirngerechtes Arbeiten einsetzt, auf der New Work Experience 2022 in Hamburg getroffen und ihn nach  Tipps für Entspannung im stressreichen Arbeitsalltag gefragt.

KURIER: Herr Hufnagl, wenn ich es nach stressigen Wochen im Job endlich in den Urlaub schaffe, habe ich sehr oft das Gefühl, diesen nicht genießen, nicht abschalten zu können. Was mache ich falsch?
Bernd Hufnagl: Sie machen gar nichts falsch. Dass Sie nicht sofort abschalten können, liegt daran, dass Sie die Sache, Ihren Job, ernst nehmen.

Trotzdem würde ich im Urlaub doch gerne entspannen.

Ja, das können Sie im Normalfall auch. Aber Sie brauchen eine gewisse Zeit, um – überspitzt formuliert – vom Trip runterzukommen. Das geht nicht von jetzt auf gleich. Das war schon bei unseren Vorfahren so, nur gab es bei denen einen Unterschied: Diese hatten am Tag ein Projekt – ein Mammut zu jagen, Fleisch zu besorgen oder Früchte zu sammeln. Das war  schnell abgeschlossen. Und was haben sie danach getan? Sie haben sich satt gegessen und sind auf der faulen Haut gelegen, bis der Hunger wieder kam.

Bei uns aber nimmt die Arbeit oft überhaupt kein Ende.

Richtig, es hört nicht auf. Und das ist alles andere als hirngerecht.

Kurier/Jeff Mangione

„Durch regelmäßige Mikro-Pausen können wir unser System regenerieren“, sagt Hufnagl.

Was ist dann hirngerecht?

Hirngerecht bedeutet, Rücksicht auf unser biologisches Erbe zu nehmen. Es steckt in uns, dass wir permanent kurze Pausen brauchen. Da geht es gar nicht um lange Sabbaticals, eine mehrmonatige Auszeit oder zwei Wochen Urlaub. Der Perspektivenwechsel ist natürlich schön. Aber aus medizinischer Sicht ist etwas anderes notwendig: Mikro-Pausen. Das sind mehrmals täglich kurze Phasen, wenige Minuten, in denen wir nicht zielgerichtet denken und unser System regenerieren.

Das ist doch  schwierig an einem Arbeitstag. Ständig kommen neue E-Mails rein, dann läutet das Telefon und plötzlich kommt eine wichtige Pushnachricht über das Weltgeschehen ...

Und genau diese große Anzahl an Störungen ist es, die uns fertigmacht. Das ständige Vibrieren, das Klingeln, wenn eine neue Nachricht kommt, entspricht dem Rascheln im Gebüsch vor 200.000 Jahren. Für unsere Vorfahren war das ein Zeichen von Gefahr, sie haben sich in eine Höhle zurückgezogen. Wir können das nicht. Das Wichtigste im Sinne des hirngerechten Arbeitens ist es deshalb, die Störungen zu minimieren. Das funktioniert nur durch Selbstmanagement, etwa indem man alle Benachrichtigungen abschaltet. Und es braucht Spielregeln, etwa, dass keine E-Mails gelesen werden dürfen während einer Präsentation.

Weg vom Multitasking also.

Ja, unsere Arbeitswelt ist geprägt von permanenten Unterbrechungen, von chronischem Multitasking, von aufmerksamkeitsgestörten Führungskräften und völlig unkonzentrierten Mitarbeitern. Das kann es aus meiner Sicht nicht sein.

Sehen Sie nicht auch die Führungskräfte in diesem Zusammenhang gefordert?

Natürlich sind auch Führungskräfte gefordert. Es geht hier auch um eine Vorbildwirkung. Führungskräfte stecken ihre Mitarbeiter an mit ihrer Wertehaltung, mit dem Stressverhalten, damit wie die digitalen Medien genutzt werden. Wenn Führungskräfte  gute Vorbilder sind, ist das auf alle Fälle von Vorteil.

VW hat vor einiger Zeit einen Versuch gestartet und hat einem Teil seiner Mitarbeiter am Abend den E-Mail-Server abgedreht, um Angestellte zu schützen. Ist das sinnvoll?

Ich persönlich bin kein Freund von Verboten, aber ich bin ein Freund von klaren und auch exekutierten Regeln. Und ja, manchmal müssen Menschen zu ihrem Glück gezwungen werden. Ich glaube aber, dass es besser ist, über diese Themen zu sprechen, Vereinbarungen zu treffen und diese einzuhalten, allerdings  ohne einer Keule von oben. Die Lösung von VW hat sich am Ende auch nicht durchgesetzt. Denn was war der Effekt? Viele Beschäftigte haben trotzdem einen Weg gefunden, ihre E-Mails zu lesen. Sie haben sich verhalten wie Junkies, denen man die Spritze wegnimmt.

Gute Führung, Selbstmanagement, Work-Life-Balance – das alles sind Dinge, die im Zusammenhang mit New Work derzeit im Mittelpunkt stehen. Entwickelt sich das Arbeitsumfeld Ihrer Ansicht nach in die richtige Richtung?

Es entwickelt sich nicht in die richtige Richtung, aber die Bereitschaft ist höher denn je. Und das ist das ambivalent Verrückte. Wenn ich  Menschen die aktuelle Fehlentwicklung in der Arbeitswelt vor Augen führe, geben mir die meisten recht. Am nächsten Tag machen sie aber genau so weiter wie bisher. Warum? Weil der Druck abzuliefern – und da ist es egal, ob wir von New Work oder Old School sprechen – immer da ist. In unserer Arbeitswelt braucht es Performance, es braucht Output.  Solange man in Teams nicht anders mit dem Druck umgeht, wenn man die Rahmenbedingungen nicht im Sinne des hirngerechten Arbeitens setzt, habe ich wenig Hoffnung, dass sich  etwas ändert.   

Mach’ mal Mikro-Pause

Wer nicht loslassen kann, sollte es mit der   Singletasking-Übung versuchen. Die geht so: Sie entscheiden sich für eine Aufgabe – gehen etwa in den Asiashop und kaufen Chi gong Kugeln oder lernen klettern. Während Sie das  tun, denken Sie nur an diese eine Aufgabe, sind nur im Hier und Jetzt. Viele werden merken, dass das gar nicht so einfach ist.  Machen Sie’s trotzdem!

Autor: 
Theresa Kopper