Das Milliarden-Phänomen: Wie N26 groß wurde

Vom Start-up zum Milliardenkonzern: Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal schufen innerhalb weniger Jahre eine neue Benchmark im Banking.

Viele Banken wurden auf dem falschen Fuß erwischt. Nach der Finanzkrise und ihren Folgen stand schon die nächste Bedrohung vor der Tür: die Digitalisierung und mit ihr zahlreiche, quirlige Fintechs. Diese versuchen mit Schnelligkeit und Innovation den alt eingesessenen, zum Teil behäbigen Instituten vor allem junge Kunden abspenstig zu machen.

N26 ist einer dieser Newcomer. Gegründet von den Österreichern Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal, die sich schon seit Kindheit kannten und später als Studenten beim Forum Alpbach wieder fanden. Und 2013 beschlossen, eine Taschengeld-App für Eltern und Kinder zu entwickeln.

Schon ein Monat später zog es die beiden in die Start-up-Metropole Berlin. Vor allem die Verfügbarkeit von qualifizierten Mitarbeitern sei der Grund für den Wechsel gewesen, heißt es. Der zehn Mal größere Markt wohl auch.

Erste Geldspritze: 2,2 Millionen Euro

Schon bald aber war klar, dass die App mehr können muss. Viel mehr. Stalf und Tayenthal wollten den großen Geldhäusern richtig Konkurrenz machen. Und zwar ausschließlich mittels App. Ihr Konzept überzeugte.

In einer ersten Finanzierungsrunde konnten sie 2,2 Millionen Euro einsammeln, etwa von PayPal-Mitgründer Peter Thiel oder der Axel-Springer-Start-up-Schmiede Plug and Play. Im Jänner 2015 erfolgte schließlich der Startschuss in Deutschland und Österreich, damals noch unter dem Namen Number 26.

KURIER-Grafik: Breineder, Quelle/Bild: N26

Nach einem Jahr hatte das Start-up 80.000 Kunden. Die Idee funktionierte also in der Praxis. In einer zweiten Finanzierungsrunde konnten die Gründer schon 40 Millionen Dollar einsammeln. Mit dem Geld wurde in weitere Länder expandiert. Und heuer: Erneut 470 Millionen Dollar Kapital für den Sprung in die USA und 2020 nach Brasilien. Zudem auch für Österreich: In Wien entsteht gerade ein Produkt- und Technologie-Office.

Bis Herbst 2020 werden 300 Mitarbeiter gesucht

Georg Hauer, General Manager Austria, ist derzeit intensiv auf Personalsuche, wie er im KURIER-Gespräch erklärt. Bis Oktober will er bis zu 70 Mitarbeiter für das Büro im Start-up-Hub weXelerate im zweiten Wiener Bezirk gefunden haben. Die Räumlichkeiten seien aber nur eine Übergangslösung, schon jetzt werde ein größerer Standort für bis zu 300 Mitarbeiter gesucht. Dieser soll spätestens im Herbst 2020 bezogen werden.

„Wir haben im Vorjahr 45.000 Bewerbungen gehabt, heuer werden es 100.000 sein“, sagt Hauer. Die Mitarbeiter kämen aus 60 Ländern und hätten zuvor meist bei großen IT-Konzernen wie Google oder Facebook gearbeitet. Hauer selbst ist seit eineinhalb Jahren an Bord, nachdem er zuvor für Uber in Österreich zuständig war.

Das Geschäftsmodell

Aber wie funktioniert die Bank eigentlich? Und wie verdient sie Geld? Das Geschäftsmodell ist relativ simpel. Keine teuren Filialen, wenige und einfache Produkte. Seit 2016 verfügt man zudem über eine einzige, europaweit gültige Banklizenz. N26 war damit das erste Institut, das diese Möglichkeit genutzt hat. Der bürokratische Aufwand minimiert sich damit enorm. Durch Gebühren und Provisionen verdient das Institut.

Für die Kunden – ab 18 Jahren – sieht es so aus: Das Konto ist gratis (die Eröffnung soll in nur acht Minuten möglich sein), ebenso die Debitkarte (von Mastercard). Daneben gibt es gegen Gebühr Premiumprodukte (You, Metal), die u.a. eine Versicherung oder Zugang zu Partnerangeboten beinhalten. Abhebungen am Automaten kosten je 2 Euro (je nach Paket sind drei bzw. fünf Abhebungen inkludiert).

Überziehen ist bis zu 10.000 Euro möglich (8,9 Prozent Zinsen). Habenzinsen werden keine verrechnet, was angesichts der generell tiefen Zinsen nicht überrascht. In Deutschland gibt es auch die Möglichkeit der Kreditnahme sowie, über einen Partner, in Anlageprodukte zu investieren. Einlagen bis zu 100.000 Euro sind durch die nationale Einlagensicherung geschützt.

Kritik: Viel Geheimniskrämerei

Die N26-Kunden verzichten bewusst auf Filialen. Bei Problemen müssen sie sich also via Mail, Chat oder Telefon an die Bank wenden. Und hier gab es heuer einen massiven personellen Engpass. Nach einer Rüge der deutschen Bankenaufsicht wurde der Kundenservice von 120 Mitarbeitern auf 800 aufgestockt.

Weiters urgierte die Aufsicht mehr Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Das Start-up müsse einige Bestandskunden neu identifizieren, mehr Arbeitsabläufe schriftlich festhalten und Rückstände bei der Kontrolle verdächtiger Transaktionen aufarbeiten. Die Feststellung der Identität eines Neukunden erfolgt über Videoanruf. Dabei muss der künftige Kunde seinen Ausweis in die Kamera halten. Ein N26-Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung scannt den Ausweis und prüft, ob er mit dem Angerufenen ident ist.

Zu bemängeln ist auch die mangelnde Transparenz von N26. Auf der Webseite sind tiefergehende Informationen zum Unternehmen spärlich und gut versteckt. Lediglich im Unterpunkt „Presse“ finden sich ein paar Hinweise. „Wir haben neben den beiden Gründern sechs Vorstände, davon drei Frauen“, sagt Hauer.

Auf die Frage, wie viel Anteile Stalf und Tayenthal konkret halten, gibt es meist ausweichende Antworten wie „Schauen Sie ins Firmenbuch“ oder „Rund 25 Prozent“. Möglicher Grund für die Geheimniskrämerei: Zusammen halten sie nur 24,9 Prozent und damit weniger als die Sperrminorität. Allerdings hält die N26 GmbH 1,60 Prozent an sich selbst.

„Die 24,9 Prozent der Gründer sind das, was sich nach den diversen Finanzierungsrunden und den sich daraus ergebenden Verwässerungen für die beiden ergibt“, erklärt Start-up-Investor Hansi Hansmann. „Das ist eh noch ein ordentlich großer Anteil, den sie da haben.

Über die 1,6 Prozent, die die GmbH an sich selbst hält, dürfen die Gründer verfügen. Zusammen mit ihren eigenen Anteilen haben sie damit eine Sperrminorität.“ Diese werde aber in Start-ups meist überbewertet, da die wesentlichen Regeln ohnehin in einem Shareholder Agreement geregelt seien.

Wenn eine Firma Anteile an sich selber hält – in Österreich ist das im Gegensatz zu einer AG bei einer GmbH nicht möglich – , macht sie das üblicherweise, um Anteile für Key-Mitarbeiter hergeben zu können. „Das ist an sich nichts Ungewöhnliches“, erklärt Hansmann.

Die Zukunft

Für den Experten ist N26 „zum Wachsen verdammt. Sie dürfen keine Gewinne schreiben. Weil in dem Moment, wo sie das tun, werden sie danach bewertet – und nicht mehr, so wie jetzt, durch die Fantasie, die Zukunftserwartung“. Die Gefahr für N26 liegt aus Hansmanns Sicht in den großen Amerikanern, also Google, Facebook, Apple und Amazon.

Facebook Libra etwa hat auf Anhieb hunderte Millionen Kunden – wenn sie es richtig ausrollen.“ Auch Apple oder Google könnten plötzlich Riesenbanken sein, weil sie die Kunden schon haben. Zudem würden Konkurrenten wie Revolut oder Monzo mit ähnlichen Konzepten lauern. „Bevor diese Gefahr real wird, muss N26 wachsen, wachsen, wachsen“, sagt Hansmann.

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Autor: 
Robert Kleedorfer