Der Finanzmarkt als „Hobby, das fürs Leben bleibt“

Larissa Kravitz berät Frauen in Finanzfragen und ist Autorin des Buchs „Money, honey!“. Sie erklärt, warum der Finanzmarkt jeden Tag spannend ist.

KURIER: Warum haben Sie sich mit 14 Jahren schon für Aktien interessiert?

Larissa Kravitz: Meine Eltern haben beide im Bankensektor gearbeitet, ich fand deren Arbeit immer sehr interessant. Als Teenager habe ich mich mehr und mehr damit beschäftigt, das war in den späten 90er Jahren. Damals gab es einen Tech-Boom, im Zuge dessen habe ich meine ersten Aktien gekauft.

Wie kann man Frauen Finanzwissen näherbringen und was muss man dabei anders angehen als bei Männern?

Ich merke, es gibt schon Unterschiede. Die Finanzmathematik ist zwar für alle auf der Welt gleich. Aber es geht um die Herangehensweise. Frauen sind tendenziell etwas zögerlicher, wollen alles sehr genau wissen. Männer sind eher dazu bereit, gleich am Beginn eines Investments Risiken einzugehen. Frauen machen viele Recherchen vorher und wollen sich weiterbilden. Mir war gerade angesichts der Altersvorsorge extrem wichtig, dass Frauen eine neutrale Finanzbildung haben, hinter der keine Bank oder Versicherung steht.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie den Finanzmarkt spannend machen möchten. Warum ist er aus Ihrer Sicht spannend?

Wenn man sich einmal damit beschäftigt, dann ist das ein Hobby, das fürs ganze Leben bleibt. André Kostolany hat gesagt ,An den Märkten ist alles möglich, auch das Gegenteil“. Das sieht man jeden Tag. Es gibt am Finanzmarkt einfach jeden Tag spannende Geschichten, zuletzt das Thema Kryptowährungen und der Short Squeeze von Game Stop. Wenn man sich einmal für Investment interessiert, dann interessiert man sich automatisch für die politischen Entwicklungen weltweit, für das, was Staaten machen, was in Unternehmen passiert, wo Innovation passiert.

Warum ist das Finanzwissen gerade bei Frauen oft mangelhaft?

Ich bekomme von einigen das Feedback, die sich wünschen, sie hätten Finanzinhalte in der Schule gelernt. Viele Frauen, die bei meinen Workshops dabei sind, mein Buch lesen oder den Podcast hören sind Frauen um die 30, deren Mütter jetzt um die 60 sind. Die Mütter gehen demnächst in Pension, viele haben sich ihr Leben lang nicht mit ihren Finanzen beschäftigt und merken plötzlich, dass sie nur eine sehr kleine Pension bekommen. Das ist bei meiner eigenen Mutter auch so, und bei meiner Großmutter. Die aktuelle Antrittsperson für Frauen liegt im Durchschnitt bei 980 Euro. Da reden die Mütter ihren Töchtern oft ins Gewissen, etwas für die Vorsorge zu tun.

Es braucht ein Schulfach Finanzbildung?

Wünschenswert wäre ein Schulfach Wirtschaft, aber nicht im Sinne von Buchhaltung und Betriebswirtschaft, sondern im Sinne des Verstehens von makroökonomischen Ereignissen. Damit Normalbürger zum Beispiel verstehen, was Corona-Hilfen für Unternehmen bedeuten. Was bedeutet es, wenn die Staatsverschuldung steigt? Was ist die Zinslast des Staates? Was bedeuten Negativzinsen? All diese Dinge. Mit diesem Wissen kann eine Wählerin viel aktiver mitentscheiden.

Kurier/Jeff Mangione

Ab wann ist es für eine Altersvorsorge eigentlich zu spät? Konkret: Ist mit 50 oder 55 Jahren der Zug abgefahren?

Man kann auch dann auf jeden Fall etwas tun. Ich berate ja auch persönlich Menschen und habe auch Kundinnen über 70. Ich berate auch Menschen, die sogar noch älter sind. Was mir aufgefallen ist: Dass sehr viele Frauen nach dem offiziellen Pensionsalter noch weiterarbeiten. Selbst da kann man noch was machen. Und es ist nie zu spät. Mit 50 oder 55 etwas für die eigene Vorsorge zu tun ist besser als gar nichts - gerade wenn man weiß, dass man eine geringe Pension haben wird. Und ich würde allen Frauen und auch Männern raten, wirklich einmal ihr Pensionskonto anzusehen, damit sie mal ein Gefühl dafür bekommen, wie viel Geld sie in der Pension bekommen.

Welche Mindestsumme braucht es im Monat, um fürs Alter vorsorgen zu können?

Bei der Durchschnittsfamilie oder auch der durchschnittlichen alleinstehenden Frau würde es schon reichen, wenn man zwischen 7 und 15 Prozent des monatlichen Verdienstes für die Zukunftsvorsorge beiseitelegt. Wenn man als Durchschnittsmensch ein bisschen diszipliniert ist, ist dieser Einschnitt auch nicht besonders schmerzhaft. Bei Teilzeitbeschäftigung rate ich Frauen, rasch wieder mehr arbeiten zu gehen. Oder auch eine Weiterbildung zu machen. Das ist ganz wichtig. Ich selbst konnte im Alter von 18 Jahren nicht mit der Unterstützung meiner Eltern rechnen. Ich habe mein Studium selbst finanziert, währenddessen gearbeitet und gemerkt, was für ein enormes Upgrade Weiterbildung ist. In Österreich gibt es zum Glück gute Förderprogramme um sich günstig in Branchen weiterzubilden, wo ein hoher Bedarf an Arbeitskräften herrscht und somit auch besseres Gehalt zu erzielen ist. Dann kann man zur Vorsorge übergehen.

Was bei Ihrem Buch auffällt: Der Satzteil „rechne dir aus“ kommt relativ häufig vor. Investieren ist also mühsam?

Es reichen im Prinzip die Grundrechenarten, man braucht kein mathematisches Studium dazu. Und idealerweise ein paar Excel-Kenntnisse. Leider höre ich von Frauen, sobald ich das Thema Finanzen anspreche, oft „ich bin ja schlecht in Mathematik“. Das ist schade.

Ihr Weg zum Investment scheint angesichts der Tipps in Ihrem Buch ein konservativer. Ist investieren konservativ?

Konservativ ist ein schwieriges Wort, weil es viele verschiedene Interpretationen dafür gibt. Aber der Grund, warum ich eher auf Anlagen mit weniger Risiko setze, ist folgender: Ich bin jetzt schon alt genug, um drei oder eher dreieinhalb große Finanzmarkt-Krisen gesehen zu haben. 1999 das Platzen der Tech-Bubble, die Finanzkrise 2008. Was ich so alle zehn Jahre wiederholt ist, dass relativ unerfahrene Anlegerinnen und Anleger auf den Markt kommen und oft in hochspekulative Titel investieren. Dann gibt es einen Crash oder einen Skandal - Stichwort Wirecard. Wer da verliert, ist dann ein gebranntes Kind und sagt „nie wieder Kapitalmarkt“. Das möchte ich verhindern. Ich empfehle in meinen Workshops, zuerst auf breit gefächerte Fonds und ETFs zu setzen.

Kurier/Jeff Mangione

Sie beschreiben in Ihrem Buch auch das Phänomen der Mittelschichtfalle – dass Leute, die relativ gut verdienen, auch sehr viel ausgeben und auf das Vorsorgen vergessen.

Das betrifft oft Leute, die wirklich gut verdienen. Man gewöhnt sich an dieses Einkommensniveau und denkt, das Einkommen wird so bleiben. Das kann aber von heute auf morgen anders sein. Gerade Corona hat das sehr vielen Menschen gezeigt. Ich habe viele Fälle von Leuten, die gut verdienen und trotzdem sehr wenig investieren. Weil man auch in seinem Lebensstil gefangen ist. Eine Gefahr sind auch sehr hohe Kredite fürs Eigenheim.

Ist es für Frauen in Österreich finanziell gesehen besser, keine Kinder zu bekommen?

Das ist nicht nur in Österreich so. Sieht man sich Gender-Pay-Gap-Studien aus verschiedenen Ländern an, sieht man fast überall, dass wir nicht unbedingt einen Gender Pay Gap haben. Was wir eigentlich haben, ist ein Mothers-Pay-Gap. Die hohe Teilzeit-Quote ist schädlich für die spätere Pension, aber auch für den langfristigen Verdienst. Man muss aber bedenken: Viele entscheiden dieses Thema ja so, dass die Person, die weniger verdient – meistens die Frau –, dann eben Teilzeit arbeiten geht. Die wenigsten bedenken aber, dass das eigentlich für das langfristige Familieneinkommen ein Nachteil ist. Nicht nur für das Einkommen der Frau. Das Familieneinkommen sinkt langfristig , wenn die Frau über Jahre hinweg Teilzeit beschäftigt bleibt. Das heißt, es verliert eine Person massiv, die anderen aber auch.

Braucht es in Österreich ein verpflichtendes Pensionssplitting?

Ich halte sehr viel von einem automatisierten Pensionssplitting. Aktuell gibt es zwar in Österreich die Möglichkeit dazu, aber die kennt so gut wie niemand und es macht auch so gut wie niemand. Momentan müssen auch beide Partner zustimmen, was durchaus schwierig sein kann, etwa wenn sich die Eltern vor der Geburt eines Kindes trennen.

Autor: 
Anita Kiefer