Es braucht einen „finanziellen Hausverstand“

Eine Task Force der Industriellenvereinigung will Bewusstsein für Kapitalmarktthemen schaffen. Frauen attestieren sich oft mangelndes Wissen.

Frauen und Kapitalmarkt, das ist leider nach wie vor keine große Liebe. Zu groß scheinen die Unsicherheiten, zu gering das Wissen zu sein, wie eine aktuelle Umfrage des Hajek-Instituts im Auftrag des Aktienforums zeigt.

Ein Hauptthema ist definitiv jenes rund um das Wissen. Hier schätzen nur zehn Prozent der Frauen, dass sie sich „sehr gut“ oder “eher gut“ mit Veranlagungen an der Börse auskennen – bei Männern sind es 31 Prozent. „Das kann gefühlt sein, aber auch tatsächlich“, weiß Angelika Sommer-Hemetsberger. Die Expertin ist Vorständin der Oesterreichischen Kontrollbank und außerdem Vorsitzende der Taskforce „Kapitalmarkt und Unternehmensfinanzierung“ der Industriellenvereinigung (IV). Tendenziell sei es aber wohl so, dass sich Männer über- und Frauen unterschätzen.

Unsicherheit ist "größer geworden"

Was sich auch zeigt, ist, dass Frauen deutlich risikoaverser sind als Männer. Während 25 Prozent der befragten Männer angeben, dass in ihrem Haushalt Geld in Form von Aktien angelegt ist, sind es bei den Frauen nur zehn Prozent. Bei „anderen Wertpapieren“ liegt dieser Wert bei 16 Prozent (Männer) bzw. acht Prozent (Frauen). Aktien- und Anleihenfonds haben 28 Prozent der befragten Männer und 13 Prozent der befragten Frauen.

Und: Von denjenigen, die aktuell keine Aktien, Anleihen oder sonstige Wertpapiere besitzen, sind 31 Prozent der Männer prinzipiell am Kauf von solchen interessiert – bei Frauen sind es nur 22 Prozent. Die Corona-Krise hätte die Situation insofern verschärft, als dass die „Unsicherheit größer geworden ist. Wenn schon eine Grundunsicherheit da ist, wird diese durch einen neuen Aspekt wie die Krise verschärft“, so Sommer-Hemetsberger.

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Angelika Sommer-Hemetsberger

Wie die „Lust“ auf den Kapitalmarkt gesteigert werden kann? „Wissen ist die beste Risikovorsorge, weil man Entwicklungen besser einschätzen kann. Die Aktienmärkte sind im Februar und März des Vorjahres ja drastisch eingebrochen, die meisten haben sich aber bis Jahresende wieder erholt. Das muss man wissen und einschätzen können“, sagt Sommer-Hemetsberger. Nach diesem Wissen müsse man dann auch seine Anlageform wählen. „Wenn man langfristig veranlagt, muss man sich seiner Risikopräferenz bewusst sein und dementsprechend Produkte auswählen.“

Wertschwankungen ausgleichen

Womit wir wieder beim Finanzwissen wären. „Man braucht einen finanziellen Hausverstand“, sagt Sommer-Hemetsberger. Dazu gelte es auch, die Hintergründe zu verstehen. „Der Kapitalmarkt ist aus Investorensicht ein ganz wesentlicher Bestandteil, wenn es um Veranlagungen geht. Die Mittel, die dort aufgenommen werden, dienen aber ja auch der Finanzierung von Unternehmen.“ Dieser Zusammenhang sei nicht allen bewusst.

Gerade im Bezug auf Vorsorge für Frauen sei wichtig das Bewusstsein zu schaffen, dass eine private Vorsorge nötig sei, um den Lebensstandard in der Pension halten zu können. Das geht auch mit kleinen Beträgen. Sommer-Hemetsberger: „Auch ich verwende Ansparpläne. Durch sie kann man Wertschwankungen einfach besser ausgleichen, man ist den Schwankungen nicht so unterlegen.“ Und: „Durch den gleichbleibenden Betrag kaufe ich in Phasen, in denen die Kurse steigen, weniger Anteile. Mit dem gleichen Betrag kann ich in schlechteren Zeiten dann mehr Stücke kaufen.“ Jedenfalls ließen sich mit einem Fondssparplan mit kleinen Beiträgen wesentlich bessere Ergebnisse erzielen, als das Geld nur auf dem Sparbuch liegen zu lassen.

Förderungen und Incentives

Die Task Force der IV versucht, dieses Bewusstsein zu schaffen. Es gelte, das auch der Politik sichtbar zu machen. „Es wäre schön, wenn es hier nicht nur so weit geht, eine Awareness zu schaffen, sondern es auch Förderungen und Incentives gebe – in dem man etwa steuerliche Anreize schafft, um Ansparpläne zu fördern.“ Und die Scheu vor dem Kapitalmarkt zu nehmen. „Wichtig ist uns zu betonen, dass die Teilnahme am Kapitalmarkt nichts Elitäres ist.“ Denn wer das Thema in jungen Jahren nicht am Radar hat, tut sich später natürlich schwerer, damit in Berührung zu kommen. Deswegen hält sie auch Finanz-Influencer und -Podcasts für sehr wichtig, um auch junge Frauen zu erreichen. Ein eigenes Schulfach Finanzbildung fände sie „gut“, man könne die Inhalte aber auch in bestehende Fächer integrieren. „Je früher man beginnt, desto besser. Im Idealfall mit der Sekundarstufe I (Mittelschule/AHS Unterstufe, Anm.).“

Autor: 
Anita Kiefer