Fachkräftemangel: Jetzt gehen auch noch die Lehrlinge aus

Aktuell sind rund 14.000 Lehrstellen in Österreich unbesetzt – es fehlt an Nachwuchs. Warum sich das trotz großer Bemühungen nicht ändert.

„Früher haben sich Lehrlinge bei Unternehmen beworben, heute müssen sich die Unternehmen eigentlich schon bei den Lehrlingen bewerben“, fasst Reinhard Sorger die aktuelle Entwicklung am Lehrstellenmarkt zusammen.

Der Kärntner ist Eigentümer des Betriebs Technoholz, der sich auf Laden- und Prototypenbau spezialisiert hat und bildet aktuell sechs Lehrlinge zu Tischlern aus. „Noch bekommen wir zwar Lehrlinge, doch den Knick der geburtenschwachen Jahrgänge ist schon spürbar.“

Sorger verlässt sich deshalb schon lange nicht mehr darauf, dass Bewerbungen einfach so einfliegen, sondern setzt auf „intensives Employer Branding.

Wir schicken unsere Lehrlinge zu Berufsmeisterschaften, kommunizieren ihre Erfolge in der Öffentlichkeit und nehmen gezielt an Programmen teil, die auf die Lehre im Allgemeinen und die Ausbildung in meinem Betrieb im Detail aufmerksam machen.“

KK/Technoholz

Reinhard Sorger, Eigentümber des Betriebs Technoholz

Außerdem, und das sei aus seiner Sicht enorm wichtig, hat er die Ausbildung in seinem Betrieb zur Chef-Sache erklärt. „Wir haben auch externe Ausbilder, aber ich bin überzeugt davon, dass es in jedem Lehrlingsbetrieb eine Person braucht, die sich der Ausbildung des Nachwuchses annimmt. Anders funktioniert es meiner Meinung nach heute nicht mehr.“

Leerer Lehrstellenmarkt während Corona

Nicht nur für den Tischlerbetrieb Technoholz ist die Situation am Lehrstellenmarkt schwierig. Auch andere Unternehmen können ihre offenen Stellen kaum mit Bewerbern besetzen. Im Oktober vor einem Jahr sah die Situation noch völlig anders aus.

Damals sprach Helmut Mahringer, Ökonom des Wirtschaftsforschungsinstituts im KURIER-Gespräch noch von „verstopften Toren“, für jene Jugendliche, die „den Einstieg in den Lehrstellen – oder Arbeitsmarkt wagen wollen“.

Im September 2020 waren insgesamt 61.097 Jugendliche unter 25 Jahren entweder arbeitslos (35.612), in Schulung (25.485) oder auf Lehrstellensuche (8.406). Der Lehrstellenmarkt war wie leer gefegt.

Weniger Schulabbrecher

Die unsicheren Berufsperspektiven führte dazu, dass sich generell weniger Jugendliche für eine Lehre entschieden. Im Krisenjahr setzten die meisten auf den Schulweg, die Abbrecherquote – die so manchem Unternehmen üblicherweise zu neuen Lehrlingen verhilft – fiel weg.

Mittlerweile habe sich der Lehrstellenmarkt erholt, sagt Alfred Freundlinger, Lehrlingsexperte der Wirtschaftskammer. Die Anzahl der Lehranfänger im aktuellen Jahr steige wieder: „Der Rückgang im August 2020 ist im Vergleich zum Vorjahresmonat auf 0,7 Prozent gesunken“, sagt Freundlinger mit Blick auf die aktuellen Zahlen. Insgesamt 28.697 Jugendliche befinden derzeit im ersten Lehrjahr, inklusive jener in überbetrieblicher Lehre sind es 31.630.

Auch die Wirtschaft zieht wieder an, die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Trotzdem wird die gute Stimmung von einem altbekannten Phänomen getrübt: der Nachwuchs fehlt.

Rund 14.000 offene Lehrstellen

13.846 offene Lehrstellen stehen 10.107 Lehrstellensuchenden gegenüber. Die Lücke ist im Vergleich zum Vorjahr größer geworden. Im Vorjahr blieben 2.822 Stellen unbesetzt, heuer sind es 3.344.

Die regionalen Unterschiede sind riesig, mit einem starken Ost-West-Gefälle. So haben Oberösterreich, Tirol und Salzburg mit dem größtem Lehrstellenüberhang zu kämpfen. Auch in der Steiermark, Kärnten und Vorarlberg finden Betriebe kaum Nachwuchs. Wien nimmt am Lehrstellenmarkt eine Sonderstellung ein.

Hier müssten rund 4.000 Jugendliche um aktuell rund 760 offene Lehrstellen kämpfen. „Die Wirtschaftsstruktur ist eine andere. Hier wird mehr in Dienstleistungsberufen ausgebildet, weniger in Industrie und Gewerbe. Zudem pendeln fast ein Viertel aller Lehrlinge in Wien aus Niederösterreich nach Wien“, erklärt Freundlinger. Mit Blick auf das Ost-West-Gefälle sei eine länderübergreifende Vermittlung aber schwierig.

Handwerk, Industrie und Handel suchen händeringend

Helmut Dornmayr vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft benennt ein weiteres Problem. „Nur weil ein Beruf viele Arbeitsplätze bietet, heißt es nicht, dass er auf das Interesse der Jugendlichen trifft.“ Ein Großteil der offenen Lehrstellen entfällt zugleich auf die größten Ausbildungssparten, darunter Gewerbe und Handwerk, Industrie und Handel.

Auch der Tourismus tut sich schwer. Rund 2.000 sofort verfügbare Lehrstellen in Gastronomie und Hotellerie stehen rund 400 Suchenden gegenüber. „Corona hat Jugendlichen gezeigt, wie fragil manche Sparten in Krisen sind anhand von Betriebsschließungen, Kurzarbeit und Entlassungen“, erklärt Renate Belschan-Casagrande, Bildungsexpertin der Arbeiterkammer Wien.

„Allerdings kommen auch die Arbeitsbedingungen dazu. Die Arbeitszeiten im Tourismus und Handel sprechen nicht viele Jugendliche an, die Abbrecherquoten sind hier besonders hoch.“

Hohe Abbrecherquoten in der Lehre

Im Vorkrisenjahr hätten 31 Prozent ihre Lehre abgebrochen, im Handel knapp unter 20. „Da muss man genauer hinschauen. Neben falschen Berufsvorstellungen werden auch die Rahmenbedingungen genannt. Man muss sich also überlegen, was Junge in ihrer Ausbildung und später im Beruf hält.“

Dass jene Branchen, die von der Krise härter getroffen wurden, sich nun auch mit der Suche schwerer tun, könne man so also nicht sagen. „Veranstaltungen fielen zum Beispiel komplett aus. Der Lehrberuf Veranstaltungstechnik zieht im Moment aber enorm an.“

Industrie: Pro Lehrling 2,3 offene Stellen

Auch in der Industrie würden die Betriebe kaum Lehrlinge finden , sagt Mario Derntl, Geschäftsführer der Lehrlingsinitiative „Zukunft Lehre Österreich“. „Besonders in Oberösterreich suchen Betriebe dringend, da es hier eine besonders hohe Ausbildungsquote gibt“, so Derntl. „Pro Lehrling gibt es 3,2 offene Lehrstellen.“ 

Hier spiele auch das fehlende Wissen über die Berufsmöglichkeiten mit hinein. Von den über 200 Lehrberufen würden sich Jugendliche nach wie vor für klassische Berufsfelder entscheiden. „Es braucht mehr Angebot in der Berufsorientierung und dabei sind auch Eltern eine wichtige Zielgruppe, da sie einen wesentlichen Einfluss auf die Berufsentscheidung ihrer Kinder haben.“

7.000 Lehrlinge in der ÜBA

Die Arbeiterkammer plädiert ebenfalls zu mehr Berufsorientierung an Schulen. Dass Betriebe ihre Lehrstellen nicht besetzen können, habe aber auch mit den Anforderungen zu tun, so Belschan-Casagrande. „Viele Unternehmen beklagen Bildungslücken bei Bewerbern, dass Jugendliche über zu wenig Kompetenzen für den Beruf verfügen.“

Gleichzeitig würden rund 7.000 Jugendliche in der Überbetrieblichen Lehre (ÜBA) landen, die auf dem klassischen Lehrstellenmarkt nichts finden würden. Potenzial, auf das man zurückgreifen könne.

Demografischer Wandel

Der demografische Wandel fließt ebenfalls mit in die wachsende Lehrlingslücke hinein. Zum einen gehen in den nächsten Jahren geburtenstarke Jahrgänge in Pension. „Zugleich gibt es immer weniger 15-Jährige“, so Dornmayr. 1980 waren es noch über 130.000, 2019 sank die Zahl auf rund 85.500 15-Jährige. Für die kommenden Jahre soll die Zahl weitgehend stagnieren, lautet die Prognose.

Ambivalentes Image

Und natürlich spielt auch das Image, das die Lehre hat, eine nach wie vor entscheidende Rolle. Das weiß auch Reinhard Sorger. Immerhin merke er aber, dass sich etwas tut. „Der Imagewandel findet meiner Meinung nach gerade statt.“

Früher hätten vor allem junge Menschen eine Lehre begonnen, die in der Schule nichts erreichen konnten. Heute sei das anders. „Wir haben immer wieder auch Quereinsteiger mit abgeschlossener Matura, die sich mit fast 30 noch entscheiden, eine Lehre zu beginnen.“ Vor einigen Jahren noch seien das Ausnahmen gewesen. Ein Lichtblick.

Kaum Unterstützung für Ausbildungsbetriebe

Trotzdem würde er sich vonseiten der Politik noch etwas mehr Initiative erhoffen. Das fange schon bei den finanziellen Hilfen an. „Wenn sich Jugendliche für eine höhere Schule entscheiden, übernimmt der Staat dafür die Kosten. Als Unternehmen bekommen wir für die Ausbildung der Lehrlinge kaum Unterstützung. Das sehe ich schon als ungerecht“, sagt Sorger.

Ungerecht und vor allem unverständlich findet er auch die Flüchtlingsdebatte im Zusammenhang mit den Lehrlingen. „Wir haben beispielsweise vor Kurzem einen Flüchtling ausgebildet, der perfekt integriert war und tolle Arbeit geleistet hat. Und trotzdem hat man ihm die Chance genommen, hier arbeiten zu können und ihn abgeschoben.“

Solche Entscheidungen seien nicht nachvollziehbar. „Wir müssen diesen arbeitswilligen Menschen doch eine Chance geben, wir brauchen sie im Kampf gegen den Fachkräftemangel.“

Autor: 
Theresa Kopper