Ferialpraktikanten fehlen: Wieso viele Jugendliche heuer nicht arbeiten wollen

Praktikanten werden heuer wieder gesucht, aber viele Stellen bleiben unbesetzt. Woran liegt es, dass Jugendliche lieber Ferien machen als zu arbeiten? Und: Drei junge Menschen erzählen, was sie in ihrem ersten Sommerjob gelernt haben.

Mehr als doppelt so viele ausgeschriebene Stellen wie noch im vergangenen Jahr verzeichnete die Jugend-Jobbörse Logo heuer. Waren es 2021 750 ausgeschriebene Ferialjobs und Praktika, so kamen sie heuer bereits auf 1.700 Sommerjob-Angebote. Thomas Doppelreiter, der die Webseite bei Logo betreut, präzisiert: "Hinter der traditionell stärksten Branche Werbung und Promotion hat dieses Jahr nach zwei pandemiebedingt schwächeren Jahren wieder die Branche Gastgewerbe/Hotellerie und Tourismus den höchsten Wert mit knapp 400 Angeboten."

Angebot auf Vor-Pandemie-Niveau

Auch beim Jugendservice des Landes – einer der größten Ferialjobbörsen in Oberösterreich – ist das Angebot wieder auf Vor-Pandemie-Niveau: "Nachdem die vergangenen zwei Jahre etwas mau waren, konnten wir heuer wieder um die 4.000 ausgeschriebene Ferialjobs verzeichnen", bestätigt Michael Peham vom Jugendservice.

Jugendliche heiß begehrt am Arbeitsmarkt 

Die schlimmste Corona-Unsicherheit ist bei den meisten Unternehmen also überwunden. Umso heißer begehrt sind die Jungen derzeit am Arbeitsmarkt. Doch bei diesen hält sich die Nachfrage in Grenzen: "Nach 27.000 Suchanfragen im ersten Halbjahr des letzten Jahres, waren es dieses Jahr nur 23.000 Anfragen", erklärt Doppelreiter.

Ferialstellen nicht besetzt

Das deckt sich auch mit den Erfahrungen von Firmen, mit denen die Jugend-Jobbörse Logo in Kontakt steht: "Bei großen Unternehmen konnten dieses Jahr bis zu 30 Prozent der Ferialstellen nicht besetzt werden." Besonders schwer tut sich die Tourismusbranche, obwohl es gerade dort wieder zahlreiche Sommerjobs gebe.

Doch die Arbeitszeiten am Abend und an den Wochenenden schrecken viele Ferialarbeiter ab. Außerdem, so der Jugendexperte Peham: "Waren die Jungen in den vergangenen zwei Jahren quasi eingesperrt und wollen den Sommer heuer umso mehr genießen."

Freizeit priorisieren

Diese Einschätzung teilt auch Thomas Doppelreiter: "In Gesprächen mit Jugendlichen kam heraus, dass junge Menschen ihre Freizeit – vor allem auch nach den letzten zweieinhalb Jahren – priorisieren und, dass Geld verdienen nicht so wichtig sei." Auch das bestätigen die Zahlen: "Sowohl gut als auch weniger gut bezahlte Stellen konnten schlecht besetzt werden", weiß Doppelreiter. Dabei, so Michael Peham, "werden inzwischen eigentlich alle Ferialjobs gut enlohnt."

Arbeitsbedingungen 

Am Geld (allein) liegt es also nicht. Die Arbeitsbedingungen spielen zunehmend eine größere Rolle. Denn gerade junge Menschen wollen sich vieles einfach nicht mehr gefallen lassen. Das zeigt bereits eine Studie der Arbeiterkammer Wien aus dem Jahr 2021: Demnach kehren Schülerinnen und Schüler, die im Tourismus ein Praktikum gemacht haben, der Branche häufiger den Rücken. Obwohl sie häufig ein Übernahmeangebot erhalten (im Schnitt 46 Prozent), würden nur die wenigsten dieses auch annehmen (im Schnitt 17 Prozent).

Jeder sechste der befragten Ferialarbeiter gab an, im Tourismus-Praktikum Überstunden geleistet zu haben. Außerdem vermissten viele eine Betreuungsperson im Betrieb. Genau das wäre jedoch besonders wichtig, weiß auch Thomas Doppelreiter der Jugend-Jobbörse Logo: "Immerhin ist es für viele der erste längere Kontakt mit der Arbeitswelt.

Wichtige Erfahrung

So können junge Menschen abschätzen, ob der Beruf für sie bzw. sie für den Beruf geeignet sind". Fest steht: So unterschiedlich die Erfahrungen in Ferialpraktika auch sein mögen, prägend sind sie in jedem Fall. Der KURIER hat mit drei Jugendlichen über ihre Erlebnisse gesprochen.

Es ist ihr allererster Job: Lydia Panny arbeitet derzeit als Praktikantin im Hotel Sans Souci Wien. Dort hilft sie für drei Monate in der Küche aus. "Ich habe schon als Kind Kochserien im Fernsehen geschaut", sagt die 17-Jährige. Irgendwann griff sie dann selbst zum Kochlöffel. "Ich habe begonnen, für meine Familie mehrgängige Menüs zu zaubern." Rinderbouillon mit Frittaten, gefüllte Hühnerkeule mit Babykartoffeln und zum Dessert ein Himbeer-Tiramisu. 

Kurier/Gilbert Novy

Lydia Panny weiß, was sie werden will: Gastronomin. Hier bei ihrem Praktikum im Hotel Sans Souci

Ihr Berufsziel kennt sie jetzt schon: Gastronomin mit eigenem Restaurant. Aus dem Grund hat sie sich für eine Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe entschieden, Schwerpunkt: Eventmanagement und Hotellerie. "Hier werde ich mit Matura und einem Gewerbeschein abschließen, so kann ich gleich durchstarten." Im Hotel Sans Souci hilft sie vor allem bei den Frühstücksvorbereitungen: Käse- und Schinkenschiffchen machen, Obst und Gemüse in die korrekte Form schneiden und Teige für Madeleines und Pancakes vorbereiten. "Ich bewundere die Kreativität der Profis und das genaue Arbeiten. Die haben so viele Ideen." 

Erstes selbst verdientes Geld

Gelernt hat Lydia in ihrem ersten Job auch schon einiges: wie man die Speisen anrichtet, damit sie ansprechend aussehen oder wie man mit Maschinen wie einem Vakumiergerät umgeht. Sie hat aber auch verstanden, dass man eigene Methoden entwickeln muss, wenn es stressig wird. "Dann darf man nicht den Kopf verlieren, muss eines nach dem anderen machen und sich selbst beruhigen." 

Für ihre Leistungen bekommt Lydia 1.055 Euro brutto monatlich. Ihr erstes selbst verdientes Geld. "Ich gehe sehr gerne Bogenschießen und ich werde mir einen neuen Bogen kaufen und den Rest in meinem Urlaub in Rom ausgeben." 

Stefan Weiß hat in seinen jungen Jahren schon einiges an Joberfahrungen gesammelt. Angefangen hat er mit einer Installateur-Lehre. "Das ist kein schlechter Beruf, aber manche Arbeiten waren sehr frustrierend und ich verlor die Freude an dem Job. Da war mir klar, das kann ich nicht mein Leben lang machen", sagt der 25-Jährige.

Matura nachholen

Es folgte eine Anstellung bei einer Tapezierer- und Bodenlegerfirma. Die Kollegen waren "super nett", aber das Ziel von Stefan war ein anderes: nach einem halben Jahr in Bildungskarenz zu gehen und die Matura nachzumachen. "Dann dachte ich, ich studiere Informatik." Aber auch das hielt nur wenige Monate. "Programmieren war mir zu banal und den ganzen Tag vorm Computer sitzen war auch nicht meines."

Was will ich wirklich? Was kann ich machen, das mir auch das ganze Leben lang Freude bereitet? Diese Fragen stellte sich Stefan und kam dann zum Beruf des Tierpflegers. Heute macht er eine Lehre in der Tierwelt Herberstein und verdient aktuell 800 Euro brutto monatlich.

Wölfe, Bäre, Stachelschweine

Seine Aufgaben: Er kümmert sich um die Wölfe, Bären, Stachelschweine, Tapire, Antilopen und Vielfraße. "Die Tiere zu füttern und die Gehege zu säubern macht mich glücklich. Ich bin jetzt angekommen", sagt Stefan. "Es gibt hier nichts, was mir keinen Spaß macht."

Tierpark Herberstein

Stefan Weiß ist nach zahlreichen Erfahrungen endlich bei der richtigen Ausbildung angekommen 

Seine Umwege bereut er nicht. "Das sind Erfahrungen, die einem keiner nehmen kann. Besonders interessant war zu erfahren, wie sich Menschen in den unterschiedlichsten Berufen und Positionen verhalten und welche Werteeinstellungen sie zum Leben haben.

Charakter gestärkt

All das hat mich geprägt und meinen Charakter gestärkt." Einen Tipp hat Stefan für alle Schülerinnen und Schüler: "Was interessiert dich wirklich? Was gibt es für Job-Möglichkeiten? Fang früh genug an, dich über deinen weiteren Lebensweg zu informieren."

Susanna Humer liebt es, kreativ zu sein. Im Juli hat sie aus diesem Grund beim österreichischen Bauunternehmen Habau ein Praktikum im Marketing gemacht. Es war bereits ihr zweites Mal. Plakate entwerfen, Layouts für Veranstaltungen kreieren und einen Imagefilm schneiden gehörten zu ihren Aufgaben.

Erste Joberfahrung

"Ich hatte bei der Gestaltung freie Hand", sagt die 18-Jährige. Erste Joberfahrungen hat sie sonst nur einmal in einem Supermarkt gesammelt. "Die Stimmung der Kunden hat mich aber immer sehr beeinflusst. Das hier jetzt ist eher etwas für mich." 

Künstlerische Gestaltung

Susanna besucht aktuell die HBLA für künstlerische Gestaltung in Linz. Künftig will sie Architektur oder Grafikdesign studieren. Was sie für sich nach den ersten Joberfahrungen schon gelernt hat: "Eine Selbstständigkeit kann ich mir nicht vorstellen. Ich brauche Strukturen und ich mag mich nicht um die Kundenakquise kümmern."

Kurier/Gilbert Novy

Susanna Humer hat im Marketing ein Praktikum gemacht und möchte künftig kreativ arbeiten 

Sehr überrascht hat sie die Tatsache, dass Mitarbeiter sehr auf ihren Arbeitsplatz und den Computer fixiert sind. "Ich mache immer alles am Handy und bräuchte gar keinen Computer zum Arbeiten." Gelernt hat sie bisher nicht nur einen vertiefenden Umgang mit sämtlichen Grafik-Programmen, sondern auch, mehr auf Leute zuzugehen und ein Gespräch auch von sich aus zu beginnen. 

Möbel kaufen vom ersten Gehalt

Mit den 1000 Euro brutto, die sie für das Monat bekommt, wird sich Susanna Möbel kaufen, denn bald zieht sie in eine eigene Wohnung. "Ein Jahr habe ich noch Schule, dann maturiere ich und dann mache ich ein Gap Year." Susanna spricht hier von einem Jahr im Ausland, bevor sie sich in das Berufsleben stürzt.

Homeoffice 

Vor allem Australien und Süd-Korea haben es ihr angetan. Und danach soll es ein Job sein, bei dem sie vormittags im Homeoffice arbeitet und nachmittags ins Büro kommt. "Den ganzen Tag nur im Büro zu sein, hat für mich keine Zukunft."

Autor: 
Angelika Gross