Gibt es eine nachhaltige Form von Dienstreisen?

Sascha Mohnke (BOKU) erklärt im KURIER-Interview, was Dienstreisen der Umwelt antun und was hilft

Sascha Mohnke und sein Team von der Universität für Bodenkultur (BOKU) beraten Universitäten und Unternehmer bei der Erreichung eigener Nachhaltigkeitsziele. Geschäftsreisen sind da ein großer Faktor.

KURIER: Herr Mohnke, welchen Einfluss hatte die Pause des Reisens im vergangenen Jahr auf die Co2-Bilanz?

Sascha Mohnke: Man sieht eine Delle im Co2-Wachstum. Das liegt aber vor allem daran, dass die Produktion runtergefahren wurde. Aber es wurde auch weniger gereist. In der Wissenschaft geht man davon aus, dass das sehr schnell wieder steigt. Co2-technisch hat die Pause wenig Einfluss. Stellen Sie sich eine Badewanne vor: Sie ist schon fast komplett voll, bevor sie überläuft, drosseln Sie das Wasser. Wenn Sie nach einer Pause wieder voll aufdrehen, geht die Badewanne trotzdem über. Wir haben jetzt eine große Chance, aber können uns nicht auf die Eindellung verlassen. Das wäre fatal.

Welchen Anteil am Klimawandel haben die Geschäftsreisen?

Studien zeigen, dass der Anteil am menschengemachten Klimawandel zu fünf Prozent am Fliegen hängt. Rund ein Drittel bis 40 Prozent der Flugreisen weltweit sind Dienstreisen. Alleine daran sieht man, dass die Dienstreisen ordentlich zu Buche schlagen.

Wie viele Tonnen „darf“ eine Person pro Jahr produzieren, um das 1,5-Grad-Klimaziel bis 2030 zu erreichen? Und wie viele Tonnen werden durch das Reisen emittiert?

Etwa zwei bis drei Tonnen pro Person wären klimaverträglich. Aber in Österreich verursacht eine Person pro Jahr zehn Tonnen. Ein großer Teil durch Mobilität. Ein Flug von Wien nach New York produziert 1,5 Tonnen pro Person.

Wie groß ist der Anteil des Fußabdrucks von Unternehmen durch Dienstreisen?

Das kommt auf den Betrieb an. Bei einem Dienstleistungsunternehmen sind es etwa 20 bis 30 Prozent. Bei einem Beratungsunternehmen, dessen Herzstück das Reisen ist, ist es deutlich höher. Bei produzierenden Unternehmen macht das Reisen schätzungsweise fünf Prozent ihres Co2-Ausstoßes aus.

Wie viel produziert ein Dienstreisender bei der klassischen innereuropäischen Dienstreise?

Die Strecke Wien-Berlin erzeugt mit dem Flugzeug 150 Kilogramm pro Person. Mit dem Auto etwas mehr als die Hälfte weniger, etwa 80 Kilogramm. Reist die Person mit dem Bus, emittiert eine Person 20 Kilogramm, also etwa ein Achtel des Flugzeugs. Und die Strecke mit dem Zug erzeugt pro Person nur noch ein Vierzigstel, als etwa vier Kilogramm.

Immer öfter wird von nachhaltigen Geschäftsreisen geredet. Gibt es das überhaupt? Oder ist das eine PR-Ente, um sich als Unternehmer ein gutes Gewissen zu erkaufen?

Nun ja, eine Videokonferenz emittiert pro Stunde etwa 150 bis 200 Gramm. Eine Flugreise von Wien nach Berlin ist durch den Faktor 500 oder Tausend höher. Wir sehen das skeptisch. Wenn wir Flugreisen nicht reduzieren, haben wir keine Chance.

Und wie kann ein Unternehmen, das reisen muss, nachhaltig agieren?

Als Erstes muss evaluiert werden, welche Geschäftsreisen brauche ich wirklich. Präsentation von Zwischenergebnissen oder persönlicher Austausch sollten virtuell passieren. Wenn man diese internen Reisen ersatzlos streicht, kann man schon etwas einsparen. Kurzstrecken per Flugzeug sollten komplett gestrichen werden. Wer zu dritt mit dem Bus oder der Bahn fährt, kann viel beitragen. Flugreisen waren vor Corona historisch günstig. Man sollte das Reisen so gut es geht auf Bus und Bahn verlagern. Dafür muss der Betrieb wohl das Reisebudget erhöhen und die Dauer für Dienstreisen verlängern. Man muss nicht päpstlicher sein als der Papst, aber eine ganzheitliche Umweltstrategie ist wichtig.

Autor: 
Diana Dauer