Lange Wege und Umwege zum Medizinstudium

Der MedAT findet heuer erst am 14. August statt. Über Corona-Auswirkungen, Chancen und Alternativen für Wunsch-Mediziner.

Streng geregelte Zugänge, getrennte Eingänge, Mund-Nasen-Schutz bis zum Arbeitsplatz, Abstandhalten und wohl auch große Nervosität. Mit all dem müssen die 17.599 StudienbewerberInnen für den diesjährigen MedAT, den Medizinaufnahmetest, umgehen. Covid19-bedingt musste dieser von seinem traditionellen Termin in der ersten Juliwoche auf den 14. August verschoben werden. Das Testergebnis wird somit erst in der zweiten Septemberwoche erwartet – deutlich später als üblich.

Der Test gilt als besonders fordernd– auch ohne den strengen Sicherheitsauflagen. Lediglich 1.740 Studienplätze gibt es für Zahn - und Humanmedizin an den vier heimischen öffentlichen Medizinuniversitäten und Fakultäten insgesamt. Die rund 17.600 Bewerber müssen sich schon bei der Registrierung zum MedAT entscheiden, wo sie den Versuch wagen – denn der MedAT findet für alle vier Einrichtungen zeitgleich statt. Zur Auswahl stehen die Med Uni Wien, die Med Uni Graz, die Med Uni Innsbruck und die medizinische Fakultät der Johannes Kepler Universität Linz.

Traumberuf Mediziner

Immer mehr Menschen träumen vom Medizinstudium – ein globales Phänomen, wie dem KURIER berichtet wird. Das spüren auch die heimischen Fakultäten. 2019 versuchten es "nur“ 16.443 Bewerber beim MedAT. Für das Studienjahr 2020/21 sind es 1.156 mehr. Aber: Je mehr Bewerber, desto niedriger die Wahrscheinlichkeit zu bestehen. Nur 9,9 Prozent können in diesem Jahr an einer der staatlichen Med Unis studieren.

Der Druck auf die Bewerber ist naturgemäß groß. "Mit zunehmender Konkurrenz steigt auch der Druck. Wenn Stress und Hoffnung zu groß sind, steigt die Nervosität, die Prüfungsangst und die anschließende Enttäuschung“, erklärt Kathrin Wodraschke, Stellverstretende Leiterin der Psychologischen Studierendenberatung Wien.

Vergebene Versuche

"Drei Jahre hintereinander habe ich den MedAT gemacht. Ohne Erfolg. Ich habe zwei teure Vorbereitungskurse gemacht, aber die haben mir nicht geholfen“, erklärt Lukas Schuller, Medizinstudent an der Karl Landsteiner Privatuniversität in Krems, er hat schließlich den Weg über die Privatuni gewählt. Laut Universitätsbericht 2017 würden rund ein Drittel der Bewerber 500 Euro in die Testvorbereitung investieren. Der Test selbst kostet weitere 110 Euro. Im Schnitt würden aber jährlich nur rund 10 Prozent einen Platz an den staatlichen Med Unis bekommen.

Die Psychologin Wodraschke berät Studierende in psychologisch herausfordernden Situationen. Auch jene, die nach einem Misserfolg beim Aufnahmetest "in ein Loch fallen und sich perspektivlos fühlen.“ Sie rät dazu, sich bewusst zu machen, dass es unter diesen Umständen nur wenige schaffen und man sich Alternativen überlegen sollte. Denn: „Je weniger Alternativen der Mensch hat, desto härter trifft ihn der Misserfolg“, erklärt die Psychologin. Man solle sich einen Plan B zurechtlegen, es noch einmal versuchen und sich ein persönliches Limit setzen, nach dem wievielten Versuch man aufgibt.

Viele würden das Jahr bis zum nächsten MedAT sinnvoll nutzen, etwa eine Pfleger- oder Sanitäterausbildung machen, oder ein naturwissenschaftliches Studium, etwa Biologie, Chemie, Pharmazie oder Physik beginnen. Der MedAT werde dann im Folgejahr erneut probiert, berichtet die StudentInnen und MaturantInnenberatung der ÖH Bundesvertretung dem KURIER. Aber auch hierfür braucht es Vorbereitung und Organisation. Denn auch Studienfächer wie Pharmazie und Biologie haben Anmeldefristen und Aufnahmetests. Die meisten wissen um die geringe Wahrscheinlichkeit, beim ersten Antritt angenommen zu werden. Einige Maturanten hätten den ersten MedAT- Versuch sogar bereits im Jahr vor der Matura gemacht, um zu wissen, was auf sie kommt. Die meisten probieren es zwei bis drei Mal.

Warten, Aufgeben, Alternativen wählen

Laut einer Evaluierung der Medizinischen Universität Innsbruck 2019, bei der 900 Testteilnehmer befragt wurden, was sie im Falle eines negativen Ergebnisses tun würden, gaben 635 Teilnehmer an, im nächsten Jahr erneut anzutreten, 326 würden eine andere Studienrichtung wählen, 251 an einem anderen Ort Medizin studieren, 185 eine Ausbildung im medizinischen Bereich beginnen und 41 gaben an, in diesem Fall überhaupt nicht zu studieren.

Die Alternativen sind vielfältig. "Eine Variante ist der Umweg übers Ausland“, erklärt Rudolf Mallinger, langjähriger Vizerektor für Lehre an der MedUni Wien und jetziger Rektor der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswesen. Vor allem die Med Unis in Ungarn, wie Budapest, Pecs und Szeged sind gefragt. Und auch Bratislava sei beliebt. "Hier werden typische Numerus-clausus-Fächer in den Landessprachen der Bewerber angeboten, also etwa in Deutsch, Englisch und Griechisch. Außerdem dürfte die Aufnahme dort einfacher sein“, sagt Mallinger.

Auch heimische Privatuniversitäten gelten als immer beliebtere Möglichkeit. Zumindest für diejenigen, die das nötige Kleingeld aufbringen können. Aber auch hier steigt die Nachfrage spürbar und nicht jeder Bewerber kann genommen werden.

15.000 Euro jährlich kostet das sechsjährige Studium an der Karl Landsteiner Privatuniversität (KL). Der KL-Student Schuller musste dafür einen Studienkredit aufnehmen. 15.500 Euro kostet das fünfjährige Studium an der privaten Paracelsus Universität in Salzburg, die einen weiteren Standort in Nürnberg haben.

Auch die Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) bietet seit 2015 ein Zahn- und Humanmedizinstudium an. Zahnmediziner in spe zahlen hier 14.000 Euro pro Semester, zukünftige Humanmediziner 12.500 Euro pro Semester.

Dass sich angenommene Privatstudenten angesichts der hohen Kosten doch für die staatliche Universität entscheiden, wenn sie den MedAT bestanden haben, ist keine Seltenheit. Die Covid-bedingte Verzögerung des MedAT erschwert die Umentscheidung jedoch für viele.

Aufgrund der Verzögerung wird das MedAT-Ergebnis erst in der zweiten Septemberwoche bekannt gegeben – und zwar, nachdem das Semester auf den privaten Unis bereits begonnen hat. Auf den Privatunis unterzeichnen Studenten einen Ausbildungsvertrag, sobald sie angenommen werden. Wer sich trotzdem umentscheidet, muss sich heuer auf der Paracelsus und der SFU mit dem Jahresbeitrag aus dem Vertrag freikaufen.

Autor: 
Diana Dauer