Lieber gründen: Warum MigrantInnen oft diesen Weg gehen (müssen)

Immer mehr Menschen mit Migrationsbiografie gründen. Der KURIER traf drei GründerInnen und sprach mit ihnen über ihre Motivation.

Was haben ein Schreibtisch in einem hippen Co-Workingspace, eine Parfümerie und ein exotischer Supermarkt, der KonsumentInnen beim Besuch einmal durch die Welt reisen lässt, mit Biontech, Tesla oder Google gemeinsam? Die GründerInnen haben Migrationserfahrung. Die drei Großkonzerne und die drei Unternehmen in Wien stehen für ein Phänomen, das sich weltweit beobachten lässt. Menschen mit Migrationsbiografie sind gründungsfreudiger und machen sich häufiger selbstständig, als „Einheimische“. Not macht erfinderisch, heißt es. Migration macht es auch, wie unsere Beispiele zeigen.

„Sie haben mich nie mit offenen Herzen willkommen geheißen“

 Im Impact Hub, einem Co-Workingspace im siebten Bezirk in Wien, haben viele Selbstständige ihren Arbeitsplatz  gefunden. Auch Andra Weiss und Iulia Berger. Sie haben 2014 das  Social-Start-up Younited Cultures gegründet.  

Die beiden Unternehmerinnen kommen aus Rumänien. Andra Weiss lebt seit 15 Jahren in Österreich, seit dem vergangenen Jahr hat sie  die österreichische Staatsbürgerschaft. Younited Cultures will Migrationsgeschichten zelebrieren und via Storytelling und  Modeaccessoires das Migrationsbild in der Gesellschaft zum Positiven wenden.

Diskriminierung

„Wir haben alle Diskriminierung erlebt.Ich habe mit vielen MigrantInnen gesprochen“, erzählt Weiss dem KURIER. Auch Weiss erging es so, vor allem im Berufsleben –  obwohl sie top ausgebildet ist. „Ich habe nach meinem Studium in einem  Luxus-Kosmetikunternehmen angefangen. Dort habe ich einiges von den KollegInnen abbekommen.  Mein Deutsch war sehr gut, aber es musste perfekt sein. Und ein Akzent ist sowieso  ganz schlecht. Man fühle sich, als würde man nicht dazugehören,  berichtet sie von ihren Erfahrungen. 

Kurier/Jeff Mangione

„Ich habe sechs Monate lang versucht, den KollegInnen näher zu kommen. Habe ihnen  morgens Kaffee gebracht, damit sie mich für den restlichen Tag in Ruhe lassen.“  Schließlich hat Weiss sogar ein Magengeschwür bekommen.

Diese Diskriminierung haben viele MigrantInnen erlebt, besonders  häufig vermutet Weiss es aber in österreichischen  Familienbetrieben ohne internationale Verbindungen. 

Nach sechs Jahren verließ sie das Unternehmen, schloss einen MBA ab  und wollte sich umorientieren, etwas Nachhaltiges  machen."Gegen Ende meiner Bildungskarenz bin ich auf Jobsuche gegangen. Acht Monate lang habe ich nichts gefunden.  Und dann habe ich mich mit dem Gedanken auseinandergesetzt, zu gründen“, sagt Weiss. Die Entscheidung war mit Angst verbunden, aber sie wollte keinesfalls eine Lücke in ihrem Lebenslauf haben.

Ob sie glaube, es liege an diskriminierenden Strukturen gegen MigrantInnen am Arbeitsmarkt? „Ich habe den Eindruck, es lag daran, dass ich Rumänin bin, dass ich mit 32 Jahren  verheiratet, und durch eine mögliche Mutterschaft unattraktiv bin“, erklärt Weiss. Viele MigrantInnen mit denen Weiss sich ausgetauscht hat, haben ähnliche Erfahrungen gemacht. 

Hürden auf dem Arbeitsmarkt

„Es gibt große Hürden für MigrantInnen auf dem Arbeitsmarkt. Die erste Hürde ist der Nachname,  besonders TürkInnen und AraberInnen haben es,   schwerer. Das nächste Problem ist die Nationalität.“ Außerdem: Vielen würde vom AMS geraten, sich selbstständig zu machen. „Viele MigrantInnen sind sehr ambitioniert, wollen keine Lücke im Lebenslauf, wollen finanziell unabhängig sein. Als GründerIn geht es oft schneller rauf. Die Erzählung vom Migranten, der vom Sozialstaat leben will, ist ein Mythos“. 

MigrantInnen sind treibende Kraft der Start-up-Szene

In Deutschland wurde rund jedes fünfte Start-up zuletzt von MigrantInnen der ersten oder zweiten Generation gegründet, wie aus einer kürzlich veröffentlichten Sonderauswertung des Deutschen Start-up-Monitors hervorgeht.

Mit einem Anteil von gut 20 Prozent sind Menschen mit Migrationshintergrund eine treibende Kraft der deutschen Start-up-Szene – trotz Problemen beim Kapitalzugang. Eine aktuelle Studie der Wirtschaftsuni Wien belegt: Wer emigriert und sich auf ein neues Leben einlässt, ist eher bereit, ein Unternehmen zu gründen. „Migration funktioniert damit wie ein Selektionsmechanismus. Vor allem jene mit Risikobereitschaft gehen ins Ausland und bringen damit Persönlichkeitsmerkmale mit, die auch für Gründungen relevant sind“, erklärt Peter Vandor, Autor der Studie.

Das Niveau der Unternehmensgründungen sei hierzulande ebenfalls sehr hoch, meint Vandor. Die Datenlage gibt ihm recht. Laut Wirtschaftskammer Österreich hatten 2018 rund 119.000 Einzelunternehmer (und damit rund ein Drittel) einen Migrationshintergrund.

Aus den Arbeitsmarktstatistiken der Statistik Austria liest sich wiederum heraus, dass von den rund 390.000 selbstständig Erwerbstätigen in Österreich rund 21 Prozent einen Migrationshintergrund aufweisen, knapp 18 Prozent in erster Generation. Nach Staatsangehörigkeit stammen rund neun Prozent aus der EU, mit großen Abstand folgen Bosnien, Serbien, Montenegro, Nordmazedonien mit insgesamt 1,4 Prozent und die Türkei.

In Wien ist die Gründerszene besonders aktiv.

Zwischen 2008 und 2020 ist die Zahl der Wiener Selbstständigen um 70 Prozent von 22.000 auf 37.000 gestiegen, während sich im selben Zeitraum die Zahl der Selbstständigen ohne Einwanderungsgeschichte kaum verändert hat.

Wichtigstes Herkunftsland ist die Slowakei, gefolgt von Türkei, Rumänien und Deutschland. Gegründet wird vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen, in der Gastronomie, im Bau, sowie in der Herstellung von Waren.

Tülay Tuncel, die für die Wirtschaftsagentur Wien für den Bereich der Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund zuständig ist, beobachtet einen weiteren Trend: „Die GründerInnen werden jünger, haben eine gute Ausbildung und denken innovativer. Sie verfolgen den Anspruch, sich abzuheben.“

Doch das würden viele in der Gesellschaft übersehen, so die Beraterin. „Die Masse sieht und erlebt die Erdgeschosszonen, mit den Kebabständen, Handyshops und Lebensmittelläden. Dabei stehen hinter vielen digitalen Dienstleistungen migrantische GründerInnen. Immer mehr Unternehmen, Start-ups und Dienstleistungsbetriebe werden von Menschen mit Migrationshintergrund geleitet. Sie schaffen damit Arbeitsplätze und tragen zur Wertschöpfung bei.“

In der Wirtschaftsagentur Wien werden Eingewanderte in 17 Sprachen in der Gründungsphase beraten, u.a. werden Markt- und Zielgruppenanalysen besprochen und Businesskonzepte geschärft. „Wir versuchen ethnisch gefärbte Geschäftsideen an die aktuelle Wirtschaftslage und an die Nachfrage in Wien anzupassen“, so Tuncel. So wollte ein ehemaliger Kunde mit türkischer Herkunft in Wien eine Art Marillen-Boutique eröffnen. „Er kam aus einer Stadt, in der Marillen wie Gold behandelt wurden und sah dafür in Wien noch großes Potenzial. „In Wien würde er mit dieser Idee allein kein breites Publikum ansprechen.“

"Ich hasse das Wort Innovation"

Genau den Zugang kritisiert der Business Angel und Gründer des Immico Cafes, Ahmad Majid. Er begleitet seit Langem junge Gründer mit Migrationshintergrund, vernetzt sie mit ExpertInnen und versucht ihre Ideen zu schärfen. „Ich hasse das Wort Innovation auf den Förderanträgen. Es sollte nicht sein, dass alle Geschäfte, etwas Innovatives machen müssen. Ein Kebab- oder Pizzastand ist genauso unternehmerisch, wie ein Tech-Start-up. Es muss nichts neu erfinden, sondern Geld zu den Leuten bringen. Auch diese Unternehmen treiben die Wirtschaft“, sagt Majid.

Viele MigrantInnen gründen, weil sie müssen

Objektiv betrachtet haben EinwanderInnen bei einer Unternehmensgründung mehr Hürden zu überwinden als Österreicher, weil Informationen über Förderungen fehlen, wegen mangelnder Sprachkenntnisse nicht zugänglich sind oder weil finanzielle Ressourcen knapp sind. Dass die Selbstständigkeitsrate von MigrantInnen dennoch so hoch ist, hat vielen ExpertInnen zufolge auch einen anderen Grund: Sie gründen, weil sie es müssen.

"Studien haben mehrfach belegt, dass Menschen mit Migrationshintergrund seltener zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden als Einheimische – trotz derselben Qualifikation. Mit der Selbstständigkeit schaffen sie sich einen eigenen Arbeitsplatz“, sagt Vandor.

„Was neben Stress und Risiken zumindest auch einen Vorteil mit sich bringt – Studien in den USA und Kanada haben gezeigt, dass Gründer mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Nicht-Gründern oft langfristig ökonomisch erfolgreicher sind und schneller das Einkommensniveau der Einheimischen erreichen oder übertreffen.“

Diversität bringt Vorteile

Außerdem würden interkulturelle Kompetenzen auch wirtschaftliche Vorteile bringen, so Vandor. „Man kann Vergleiche zwischen Ländern ziehen und so bessere Geschäftsideen identifizieren.“

Trotz seiner Erfahrung mit Gründungen oder gerade deshalb sieht Business Angel Ahmad Majid auch die Nachteile der erzwungenen Selbstständigkeit. „Vielen fehlt die unternehmerische Erfahrung, das notwendige Kapital und das Auffangnetz, falls sie scheitern“, so der Business Angel. Er wünscht sich, dass die Industrie das unausgeschöpfte Potenzial, der Menschen mit unterschiedlichen Backgrounds für sich entdeckt. „Die meisten wollen einfach einen Job. Haben aber am Arbeitsmarkt deutlich schlechtere Chancen“, berichtet Majid.

MigrantInnen sind oft risikobereiter

Für Tuncel sind Diskriminierungserfahrungen am Arbeitsmarkt hingegen nicht das Hauptmotiv für eine Gründung: „Es bedarf einer Risikobereitschaft, sich selbstständig zu machen, der größte Antrieb unter Selbstständigen generell ist der Wunsch, der eigene Chef zu sein, selbstbestimmt zu arbeiten.“ Zudem würden bei vielen Migranten die zu Hause erworbene Qualifikation nicht anerkannt – „da erscheint es attraktiver, sich selbstständig zu machen.“

Dass viele zu Beginn mit finanziellen Hürden zu kämpfen hätten, bestätigt die Beraterin: „Das Startkapital aufzustellen ist mithin die größte Herausforderung. Wer nicht jahrelang erwerbstätig war und sich etwas ansparen konnte, hat es schwer mit der Finanzierung und bekommt weniger Kredite von Banken.“

Kurier/Gilbert Novy

Mitten auf der Laxenburger Straße liegt die kleine Parfümerie Inhale. Sie reiht sich in die lange Reihe der eigentümergeführten Kleinstunternehmen im zehnten Bezirk ein. Fast verpasst man den unscheinbaren Eingang im Schilderwald für Friseure, Elektrofachhändler und kleine Restaurants. Drinnen im  Duftnebel der über 300 hausgemachten Parfums, steht ein freundlicher Mann, hantiert mit Flacons und mischt ein Parfum. Er ist der Gründer und Besitzer von Inhale, Moaz Yaseen.

Nach sechs Monaten gegründet

Yaseen ist vor fünf  Jahren vom Krieg in Syrien nach Österreich gekommen. Sechs Monate später gründete er sein Unternehmen aus seinem Wohnzimmer heraus. Dann eröffnete er einen ersten kleinen Laden. Mittlerweile hat er eine Filiale auf der Laxenburger Straße 84, eine Mitarbeiterin, verschickt seine Parfums  in die ganzen Welt.

Jetzt plant er eine weitere Filiale in Wien und einen Standort in Frankreich. „Ich habe vier Jahre in einer Chemikalienfabrik gearbeitet, die auch eine Parfum-Abteilung hatte – habe also genug Erfahrung.  Die Gründung ging sehr schnell. Aber der Rest war wahnsinnig schwierig. Die Sprache war ein großes Problem, nach dem ersten Deutschkurs bekommt man als Selbstständiger kaum noch finanzielle Unterstützung, um sein Sprachniveau zu verbessern. Die Kurse sind teuer.“

Weitere Schwierigkeiten brachte  das für ihn neue Steuerrecht. Die meisten Informationen gebe es nicht mehrsprachig. „Mein Nachbar hat mir sehr geholfen, er hat mir Dinge erklärt und mit der Sprache geholfen“, erzählt Yaseen.

Wie viele migrantische GründerInnen war auch er auf  sein Netzwerk angewiesen. Das Startkapital bekam er von seiner Familie, denn als Geflüchteter hatte er anfangs noch kein Einkommen. „Ich habe mit 2.000 Euro begonnen und keine Kredite bekommen“, erinnert sich der Parfümeur.

Als Corona kam, wusste er nicht, wohin er sich wenden könne.  Kurzerhand begann er, Desinfektionsmittel herzustellen und verkaufte rund 3.000 Stück.

Aber bei all den Hürden, wieso sich auf das Risiko der Selbstständigkeit einlassen? „Das ist fast syrische Tradition. Mein Großvater war selbstständig, mein Vater, und das wollte ich auch. Alle jungen Leute  bei uns wollen etwas Eigenes. Das ist in Syrien so und das ist auch so bei Syrern in Österreich. Quasi ein Teil unserer Kultur.“

Einige Bezirke und knapp sieben Kilometer weiter liegt ein weiteres erfolgreiches Unternehmen. Der Prosi-Supermarkt. (Prosi steht für Politness - Respect - Obedience - Service - Intimacy)

Kurier/Jeff Mangione

Augustin „Prince“ Pallikunnel  ist Gründer und Besitzer des  exotische Supermarkts Prosi in der Wimbergergasse, im siebten Bezirk in Wien. Mittlerweile hat er drei Betriebe. Seit 1999 kaufen im Prosi-Supermarkt   Menschen aus allen Teilen der Welt – und auch viele ÖsterreicherInnen –   ihre exotischen Produkte. Seit fünf Jahren gibt es das dazugehörige Restaurant, bereits seit acht Jahren den Kosmetikladen gegenüber.

Das Prosi schlägt Brücken zwischen den Welten  – auf mehreren Ebenen

Eine geografische  zwischen dem hippen siebten Bobo-Bezirk und dem 15. Bezirk, dessen Wohnbevölkerung zu 53,7 Prozent aus Menschen mit Migrationsgeschichte besteht. Und eine integrative Brücke, zwischen autochthonen ÖsterreicherInnen und Menschen  anderer Herkunft.

Pallikunnel kam 1990 als Student der Wirtschaftsinformatik aus Kerala, Südindien nach Wien. 1992 eröffnete er seinen ersten Laden mit indischen Produkten. „Es gab damals noch keinen exotischen Supermarkt, aber eine große internationale Gemeinschaft“, erzählt Pallikunnel. Seine Kapitalgeber waren Verwandte und Bekannte. Erst nach zwei, drei Jahren bekam er einen Kredit von der Bank. Pallikunnel und sein damaliger Partner starteten das erste  Business mit 10.000 Euro. Heute  beschäftigt er 35 MitarbeiterInnen.



Aber warum ein Unternehmen gründen statt  in den Arbeitsmarkt einzutreten? „Es gab damals nicht viele Möglichkeiten für mich. Die Sprache war eine Hürde. Ein Job bei der UNO ist sehr schwer zu bekommen und in Österreich arbeiten viele InderInnen im Gesundheitsbereich. Das habe ich aber nicht gelernt.“ Für Pallikunnel war schon immer klar, dass er gründen will. „Es ist harte Arbeit, aber man ist sein eigener Chef , kann unabhängig sein und seine Familie versorgen.“

Autor: 
Ornella Wächter