Messe-Ausfälle: Große Hallen, leere Hallen

Messen steuern auf eine weitere umsatzlose Saison im Herbst zu. Über Messen, ihre Bauer und abhängige Branchen.

"Hätten Sie mich vor einigen Wochen zu diesem Thema befragt, ich hätte Ihnen ein Klagelied gesungen,“ sagt Alexandra Schäfer, Leiterin der Messe Graz im KURIER-Gespräch.

Denn der Corona-Fluch der Veranstaltungsbranche liegt in ihrem Wesen: volle Hallen und Gedränge sind ihr Geschäft. Noch immer sind die meisten Events abgesagt, auf unbestimmte Zeit verschoben. Müssen strengen Regeln folgen.

Dieser Fluch strahlt auch auf das Messewesen aus. Dort, wo sich früher die Massen durch Gänge und an Ständen vorbeigeschoben haben, herrscht vielerorts gähnende Leere. Das Ergebnis für die Branche sind 80 bis 100-prozentige Ausfälle, Lager gefüllt mit Material im Millionenwert, stillstehende Fuhrparks und leere Hallen, Millionenverluste.

"Der Messebau ist anders als in Deutschland kein Lehrberuf. Wir haben in Österreich leider keine Lobby, keine starke Messen-Interessenvertretung,“ bedauert Thomas Tremesberger, CEO von Project Design & Organisation GmbH (BD&O), ein Hidden-Champion im weltweiten Messebau mit Sitz in Innsbruck.

Tatsächlich soll Berichten aus der Branche zu Folge auf diesen Bereich in der Lockerungsverordnung anfänglich kurzerhand vergessen worden sein. Bis die Branche eigene Regeln einforderte. Erst im Nachhinein sei der Abschnitt zu Fach- und Publikumsmessen als Absatz 10a eingefügt worden. So will das das Sozialministerium auf KURIER-Anfrage allerdings nicht bestätigen

Strenge Regeln

Seit 15. Juni dürfen Messen wieder stattfinden. Aber nur, wenn eine behördliche Genehmigung und ein abgesegnetes Präventionskonzept für die jeweilige Messe vorliegen. Diese sollen regeln, dass es bei Zu- und Abgängen nicht zu Staus kommt, dass keine Menschentrauben vor Ständen entstehen, dass sich alle brav an die Regeln halten.

Ohne Events

"Somit sind Fach- und Publikumsmesse ein Element der Eventbranche, bei denen ein Anschein von Normalität eingekehrt ist, aber auch hier regnet es Absagen“, sagt Philipp Cejnek, Geschäftsführer der Signature Eventtechnik und Initiator von "ohne-uns“, der Plattform, die für Arbeitsplätze in der Eventbranche aufbegehren.

Die Messe Graz hat für ihre kommenden drei Eigenmessen 38 Covid-Beauftragte, deren Aufgabe es ist, auf Gesundheit und Ordnung zu achten. Zusätzlich zu weiterem Sicherheitspersonal.

Verderbliches Gut

Die Hauptsaisonen sind Frühling und Herbst. Die Frühlingsmessen fielen entweder in dem Zeitraum vor dem Lockdown oder wurden in den Herbst verschoben – die meisten anderen Veranstaltungen allerdings fielen aus. "Messen sind verderbliches Gut. Eine Frühlingsmesse kann ich nicht im Herbst nachholen“, so Schäfer. Doch sie ist zuversichtlich, ihre Präventionskonzepte wurden mit der Gesundheitsbehörde abgestimmt und bewilligt.

Auch die jährliche Fachmesse für die Planung von Events, Seminare, Incentives und Geschäftsreisen (BIZ) fand statt. In der Orangerie und Pflanzenorangerie des Schloss Schönbrunn, aber ein Monat verzögert und räumlich angepasst. "Viele Aussteller haben ihre Teilnahme storniert, somit wurde der Messeplan laufend angepasst.“ Auf 70 Aussteller kamen heuer 336 Fachbesucher, laut Angaben der Veranstalter gab es im Anschluss weder Verdachts - noch bestätigte Coronafälle.

Die Salzburger International Art Fair (SIAF) weicht heuer mit den 30 Ausstellern der Kunstmesse auf den 3.000 großen Terminal 2 des Salzburger Flughafens aus. Corona erfordert digitale Innovationen: So sollen mit der Bilderkennungsapp fynd.art persönliche Kontakte reduziert werden.

Aber nicht alle Messebetreiber und Veranstalter riskieren das. "Wir können unter diesen Bedingungen nicht effektiven Gesundheitsschutz gewährleisten und gleichzeitig einen für Gäste und Aussteller erfolgreichen Tag der Lehre veranstalten,“ erklärt beispielsweise Sabine Kukacka, Unidos-Geschäftsführerin. "Was vom Tag der Lehre 2020 übrig bliebe, wäre im besten Fall ein schlechter Eindruck und im schlimmsten Fall Ansteckungen, Quarantäne. Das wurde uns im Lauf der Zeit immer klarer. Ein Präventionskonzept hätten wir machen können. Ob es allerdings in der Praxis funktioniert hätte, bezweifle ich stark.“

Abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben

Von den rund 150 jährlich in Österreich abgehaltenen Publikums- und Fachmessen wurden bereits rund 45 abgesagt, sagt Sabine Tichy-Treimel, Vorsitzende des Messeverband Messe Austria und Geschäftsführerin der Messe Dornbirn dem KURIER.

Laut einer Erhebung des WIFO aus dem Jahr 2017 für die Messe Austria, die die Messegesellschaften Dornbirn, Graz, Innsbruck, Ried, Salzburg, Wels, Wieselburg, Oberwart, Klagenfurt sowie Reed Exhibitions Salzburg und Wien, umfasst, generieren diese Messestandorte im Jahr eine Wertschöpfung von 1,05 Milliarden Euro, bei rund fünf Millionen Besuchern und rund 33.000 Ausstellern. Die fallen nun großteils weg.

"Es ist ein saisonales Geschäft. Die Hochzeit ist der Frühling und der Herbst Der Sommer ist immer ein klassisches Sommerloch, auch zu Weihnachten und in den Ferienzeiten findet wenig statt. Wir hatten 40 Messen geplant. Es ist alles gestrichen, bis auf eine in Italien, die noch auf der Waage steht“, sagt Tremesberger dem KURIER.

Mit diesen 80-90 Prozent Ausfällen, wird das Unternehmen wohl rund eineinhalb bis zwei Millionen Euro Umsatzeinbußen verzeichnen, denn auch international würde beinahe alles abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben.

"Das Jahr könne man abschreiben,“ berichten auch andere Branchenkenner. Ein Vorarlberger Messestandbauer, der anonym bleiben möchte, berichtet im KURIER-Gespräch, dass auch sie einen Ausfall von 99 Prozent und rund fünf Millionen Euro Verlust verkraften müssen und das bei Fixkosten von rund 100.000 Euro und 30 Festangestellten. Sie hoffen nun auf das nächste Jahr.

Langer Weg zurück

Viele Messebauer und -betreiber fürchten allerdings, dass die Krise ihre Kunden noch nachhaltig davon abhalten wird, teure Messen abzuhalten. "Auch bei der Finanzkrise 2008 sparten Firmen als erstes im Marketing, das hat sich nur langsam erholt“, erklären Alexander Bader und Thomas Reischer vom Messebau-Betrieb Kreativtechnik.

Bis die Branche wieder einen gewohnten Geschäftsgang gehen kann, arbeiten viele an Alternativen. Die Messe Graz beispielsweise hätte ihre Räumlichkeiten etwa für Aufsichtsratssitzungen vermietet. Messestandbauer, wie die Kreativtechnik bieten nun Covid-konforme Büroumbauten an.

Hybride Events

Etliche Veranstalter und Messebauer versuchten Messen virtuell umzusetzen, doch "die Akzeptanz am Markt ist für virtualisierte Messestände noch nicht da“, berichtet der Vorarlberger Messebauer. Schäfer von der Messe Graz glaubt nicht daran, dass das persönliche Erlebnis für Aussteller und Besucher virtuell ersetzbar sei. Das allerdings liege an der mangelnde Qualität der Ausführung, berichtet Tremesberger. "Es wird nichts in hybride Events investiert. Unternehmen, die für Fachmessen sonst 300.000 Euro ausgeben, geben jetzt etwa 30.000 Euro aus. Sie geben den Besuchern schlechte Handyvideos statt virtuellen Erlebnissen – dabei gebe es die Möglichkeiten.“

 

 

Autor: 
Diana Dauer