N26-Gründer Valentin Stalf: „Wir können einmal zehn Milliarden wert sein“

Der 33-jährige Gründer der Online-Bank N26 gehört zu den hundert reichsten Österreichern. Mit dem KURIER sprach er über das Potenzial seiner Firma.

Valentin Stalf ist stolz auf seine Handy-App. Er streicht mit der Hand über den Bildschirm, ohne ihn zu berühren – wusch, die Beträge auf seinem Konto verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit. Er streicht nochmals drüber – wusch, alles wieder lesbar. Eines der Features der N26-App, die Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal erfunden haben.

Die beiden sind vor ein paar Jahren losgezogen, um die Bankenwelt aufzurütteln. Heute hat die Online-Bank N26 mehr als 600 Millionen Euro Venture Capital eingesammelt, ist 3,1 Milliarden Euro wert und damit das wertvollste Start-up Deutschlands. Gründer Valentin Stalf, 33, ist nur sechs Jahre nach dem Start des Unternehmens einer der hundert reichsten Österreicher.

Vergangene Woche war Stalf Gast beim Salzburg Summit. Er saß mit Karl-Theodor zu Guttenberg am Podium, diskutierte über „Paralyzed Politics“. Valentin Stalf, mehr Typ Surfer als Banker, beige Stoffhose, offenes Hemd, Plastikuhr, lobte den in Europa gut regulierten Bankensektor und kritisierte gleichzeitig seine Trägheit. Für das Wachstum seines Geschäfts gebe es aber nur zwei Faktoren: mehr Kunden und mehr Mitarbeiter. Erstere seien einfacher zu kriegen.

KURIER: Wieso sind Sie ins Banking gegangen? Ein altes, traditionelles, manche meinen sogar langweiliges Geschäft?

Valentin Stalf: Ich habe gesehen, dass im Retail Banking viele Kunden unzufrieden waren, es eine große Trägheit der Banken bei der Digitalisierung gibt. Konventionelles Banking ist immer kompliziert: Formulare, mühsame Prozesse. Bei uns eröffnet man ein Konto in fünf Minuten am Handy.

Sie haben das Bankwesen lässig gemacht: schwarze Metallkarte, mobile Anwendung, viel Transparenz.

Wir haben eine neue Brand kreiert: Wie man sich eine neue Hose oder Schuhe kauft, die einem gefallen, gibt es jetzt auch eine lässige Bank, die einem gefällt.

Wieso heißt Ihre Bank eigentlich N26?

Wir haben anfangs Number26 geheißen, das aber dann verkürzt. Die Zahl kommt von den 26 Steinen des Rubik-Würfels. Hat man die richtige Strategie, kann man dieses Rätsel gut lösen.

Warum kann Ihre Bank-App mehr als andere?

Weil wir vor sechs Jahren alles von Grund auf neu aufgebaut haben. Die Systeme sind neu gedacht, wir haben keine IT-Altlasten und eine komplett andere Technologie-Basis.

N26

Neben Schwarz (jetzt “Schiefer”) gibt es die N26-Karte auch in den Farben Aqua, Rhabarber, Sand und Ozean

Das beeinflusst auch die Kostenbasis.

Wir haben ein anderes Geschäftsmodell, sind sehr serviceorientiert, verdienen mit den Anwendungen. Die Mitarbeiter und Kosten verteilen wir auf bisher 24 Länder und 3,5 Millionen Kunden.

Zu Ihrem Lebenslauf: Sie haben in St. Gallen, Tokyo und an der WU in Wien studiert. Warum diese frühe internationale Ausrichtung?

Ich bin in Wien aufgewachsen, wollte aber aus Österreich raus. Das kann ich empfehlen, weil es die Perspektive schärft. Mir hat das viel geholfen.

Sie haben Accounting and Finance studiert. Auch nicht die erste Wahl junger Studierender.

Ich habe zuerst Betriebswirtschaftslehre gemacht, dann Accounting and Finance, damit ich die wirtschaftlichen Grundzüge besser verstehen und die Zahlen richtig deuten kann. Das Studium ist weniger trocken, als man glaubt.

Sie haben über 1.300 Mitarbeiter, Zentrale ist Berlin, Sie eröffnen erst jetzt ein Büro in Wien. Warum?

Berlin, weil es dort seit 20 Jahren digitale Unternehmen gibt. Wir wollen noch viele Funktionen bauen, das Größte, das uns zurückhält, sind aber die fehlenden Mitarbeiter. Wien wird neben Berlin und Barcelona ein weiterer Produkt- und Technologiestandort. Wir limitieren uns so nicht nur auf die besten Köpfe aus einer Stadt. Seit zwei Wochen sind wir auch in den USA, und wir bereiten einen Start in Brasilien vor, für Mitte 2020.

Das sind Riesenmärkte. Ist Asien ein Thema?

Europa hat einen Markt von 350 Millionen, die USA über 300 Millionen – allein Brasilien hat wieder einen 300-Millionen-Menschen-Markt. Das ist gewaltig. China ist für uns kein Thema, andere asiatische Märkte vielleicht schon.

Andreas Kolarik/Kolarik Andreas

Valentin Stalf zeigt die N26-App: 2.768 Euro hat er auf dem  Konto. Sein Überziehungsrahmen: 10.000 Euro

Wir groß wollen Sie noch werden?

Das ist nicht vorhersehbar, wir wissen es nicht. Wir sind heute eine der am stärksten wachsenden Banken in Europa. Es liegt immens viel Zukunftserwartung in unserer Firma. Können wir einmal über zehn Milliarden Euro wert sein? Wahrscheinlich schon – wenn wir es schaffen, zehn, zwanzig, dreißig Millionen Kunden zu gewinnen. Dann sind wir eine der größten Banken der Welt. Aber das ist ein Prozess aus vielen kleinen Schritten, unsere Kunden stehen dabei im Mittelpunkt, sie entscheiden, ob sie unser Produkt wollen.

Ihre Strategie ist also weiterhin Wachstum, nicht Gewinne schreiben.

Dazu muss man wissen: wir sind heute schon pro Kunde profitabel. Wir investieren aber viel in Wachstum, deshalb haben wir auch die Wachstumsfinanzierung mit über 470 Millionen Dollar gemacht, um in neue Märkte zu expandieren und in unser Team zu investieren. Auch bei der Entwicklung des Produkts ist noch sehr viel zu tun – Immobilienkredite, coole Sparprodukte, Aktienverwaltung. Wenn wir das Unternehmen auf Profitabilität trimmen wollten, dann könnten wir das schon dieses Jahr machen. Wollen wir aber nicht – vielleicht in zwei, drei Jahren.

Die Konkurrenz kommt langsam in die Gänge. Wie sehen Sie diese Herausforderung?

Konkurrenz sehen wir als etwas Gutes. Da kann man sich benchmarken, sehen, was die anderen tun, vergleichen. Aber wir reden hier von zwei, drei Konkurrenten in Europa, in den USA vielleicht noch einmal von zwei oder drei. Konkurrenten gibt es also sehr wenige. Unser Fokus liegt deshalb darin, wie wir Millionen Kunden von den traditionellen Banken gewinnen können. Und nicht, ob es noch zwei andere mobile Banken gibt.

Sie zählen mit 33 Jahren schon zu den reichsten Österreichern. Wie lebt es sich so?

Für mich hat sich nichts verändert in den vergangenen Jahren. Das ist ja auch nur eine Statistik. Ich habe einen gewissen Anteil an meinem Unternehmen. Und ich freue mich, dass wir hier etwas Gutes aufbauen können.

Wie oft gibt es Kaufanfragen und ist ein Exit überhaupt jemals geplant?

Wir sind sehr gut finanziert, haben die besten Investoren aus den USA, aus China und Europa mit an Bord und sind nicht daran interessiert, zu verkaufen.

Nochmals die Frage: Wie oft kommen Kaufanfragen oder sind Sie schon zu teuer geworden?

Wir sprechen immer wieder mit verschiedenen Leuten, machen aber keinen professionellen Verkaufsprozess. Wir träumen eher davon, das Unternehmen so lange wie möglich führen zu können und eventuell an die Börse zu gehen.

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Autor: 
Sandra Baierl