Ökonomin: „Gleichstellung darf keine Luxusfrage werden“

Ökonomin Katharina Mader über bestehende Geschlechterungleichheiten und die Rolle der Frau in Krisenzeiten.

Die letzte große Krise, die Katharina Mader wissenschaftlich miterlebte, war die Finanzkrise 2008. Schon damals wurde die These untermauert, dass Krisenzeiten eine Renaissance alter Werte sind, es zu einem Aufleben der klassischen Kernfamilie kommt und Frauen sich schnell in alten Rollenbildern wiederfinden. Corona bestätigt diese Annahme erneut, erzählt die Ökonomin im KURIER-Gespräch.

KURIER: Schon kurz nach dem Lockdown las man erste Nachrichten darüber, dass vor allem Frauen die Versorgungsarbeit übernehmen. Wieso kippen Frauen so schnell in traditionelle Rollenbilder zurück?

Katharina Mader: Wir haben auch erst geglaubt, wir kippen. Aber die Ergebnisse zeigen: Wir waren vor Corona nicht viel besser. Über 60 Prozent der Frauen waren schon vorher für die Kinderbetreuung zuständig, über 70 Prozent für den Haushalt. Entlasten konnten sie sich vor Corona nur, weil sie diese Arbeit an andere Frauen auslagern konnten. An Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, die Putzfrau oder die Großmutter.

Wie wurde die ungleiche Verteilung begründet?

In vielen Antworten haben Frauen geschrieben, sie seien nur die Zuverdienerinnen. Ihre paar Stunden könne sie nachts abarbeiten, oder frühmorgens. Der Mann ist der Familienernährer, deswegen ist es wichtig, dass er weiter performt. Und wenn das heißt, dass er im Schlafzimmer hinter geschlossener Tür arbeitet und die Frau am Küchentisch oder auf der Couch – um sie herum die Kinder.

Es sah mit der Gleichstellung der Frau in der Wirtschaft nicht sehr gut aus in Österreich. Warum hinken wir im EU-Vergleich hinterher?

Österreich ist extrem wertkonservativ, das beeinflusst auch strukturell. Deswegen haben wir im Land auch so niedrige Karenzquoten bei Männern – in Island etwa ist die Karenzzeit verpflichtend. Die Folgen sind eine Erwerbsunterbrechung und eine hohe Teilzeitquote bei Frauen nach der Karenz und all das wirkt auf den Gender Pay Gap und auf die Altersarmut. Viele Benachteiligungen basieren aber auch auf der unbezahlten Arbeit und der schlechten Aufteilung im Privaten. Frauen fehlt die Zeit für einen Vollzeit-Job, wenn nicht der Partner oder der Kindergarten die Betreuung übernehmen.

Hat die Krise diese konservativen Strukturen verfestigt?

Ja, man ist davon ausgegangen, die Familien, die Frauen, werden das schon schupfen. Dabei hat man all die Alleinerziehenden ausgeblendet. Es war schon in Ordnung, aufgrund der Gesundheitssituation Einrichtungen zu schließen – nur muss man dann auch Unterstützungsangebote für Familien schaffen. Beim Krisenmanagement hat man das Gender Budgeting aber völlig außer Acht gelassen – also die Frage, ob sich die Maßnahmen benachteiligend für Frauen oder Männer auswirken.

Wird Corona für Frauen zur Karriere-Delle?

Wir haben mit der Studienkombination unbezahlte Arbeit und Homeoffice, sehr stark Frauen aus der Mittelschicht erwischt, also mit guter Bildung und höherem Einkommen. Hier hat sich gezeigt, dass viele Frauen bewusste Karriereschritte gemacht haben, viel darauf angelegt haben, sichtbar zu sein und weiterzukommen im Unternehmen. Viele haben Angst, dass aufgrund der Unsichtbarkeit im Homeoffice und der Kinderbetreuung massive Einschnitte passieren.

Feministinnen fürchten, die Krise wirft die Gesellschaft zurück in die Fünfzigerjahre.

Ich glaube, wir sehen jetzt klarer, dass wir in der Rollenverteilung gar nicht so weit vorangekommen sind, wie gedacht. Der Vergleich mit den Fünfzigerjahren hinkt aber, denn da war es ja erstrebenswert, dass Frauen nicht erwerbstätig sind. Das kann sich heutzutage keine Familie mehr leisten. Vielmehr sind Doppel- und Dreifachbelastungen hinzugekommen.

Wie kommen wir da mit mehr Gleichstellung wieder weiter?

Gleichstellungspolitik darf keine Luxusfrage werden. Gerade, wenn es um dieses Thema geht, fehlt oft das Geld und das wirkt sich massiv benachteiligend auf Frauen aus. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Investitionen vor allem im Care-Arbeitsbereich, also Pflege, Schulen, Kindergärten, eine ausgleichende Wirkung auf dem Jobmarkt haben. Denn an einer Kindergärtnerin hängen viele erwerbstätige Frauen.

Autor: 
Ornella Wächter