Pandemie verstärkt Gewalt am Arbeitsplatz

Gewalt am Arbeitsplatz hat sich seit Ausbruch der Pandemie verschärft. Besonders stark stieg die Zahl der Betroffenen von verbaler Gewalt.

Ein Linzer Arbeitnehmer bekommt von seinem Chef ausschließlich überfordernde und nicht bewältigbare Aufgaben, nur um später vor der gesamten Kollegschaft lächerlich gemacht zu werden, weil er diese nicht erledigt hat.

Nach über einem Jahr Mobbing wird er psychisch krank und in weiterer Folge gekündigt. Anderer Fall: Eine Handelsangestellte wird von ihrem Chef sexuell belästigt. Als sie sich aufregt, meint dieser nur, sie solle sich „nicht so anstellen“. Beide Betroffenen gehen zur Arbeiterkammer und erkämpfen eine Schadenersatzzahlung.

Pandemie verstärkt Gewalt-Potenzial

Die beiden Fälle stehen exemplarisch für psychische, physische und sexuelle Gewalt, die Arbeitnehmer in Österreich mitunter erleben. Im Vorjahr waren rund sieben Prozent der Beschäftigten hierzulande von körperlicher Gewalt betroffen, acht Prozent wurden Zeugen davon. Sechs Prozent erlebten im Job bereits sexuelle Belästigung, vier Prozent sexuelle Übergriffe, wie eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer Oberösterreich ergibt.

„Und die Corona-Pandemie hat das Gewalt-Potenzial in den Firmen noch einmal verstärkt“, sagt Sophie Hötzinger, Arbeitsschutz-Expertin bei der Arbeiterkammer Oberösterreich und Mitautorin der Studie.

So zeige eine neuerliche Befragung im ersten Quartal dieses Jahres, dass die Zahl der Betroffenen von verbaler Gewalt von 16 auf 25 Prozent angestiegen ist.

Mobbing-Dynamiken verdoppeln sich

Mobbing-Dynamiken in Betrieben hätten sich mit einem Sprung von elf auf 21 Prozent fast verdoppelt. Die Täter können neben Kollegen und Führungskräften auch Kunden oder Patienten sowie deren Angehörigen sein.

Und die Bandbreite an Gewalt reicht von der Belästigung über Homeoffice-Tools bis hin zu Beschimpfungen durch Kunden, weil Angestellte sie auf die Maskenpflicht aufmerksam machen. „Handelsangestellte beispielsweise haben uns auch von Kunden berichtet, die ihnen die Regenschirme nachgeworfen haben, weil sie keine Maske aufsetzen sollten“, erzählt Hötzinger.

Jobs mit Kundenkontakt besonders betroffen

Treffen kann Gewalt am Arbeitsplatz grundsätzlich jeden. Das Risiko hängt aber auch von der jeweiligen Branche ab. „Es liegt in der Natur der Sache, dass jene Branchen mit sehr starkem Kundenkontakt eher betroffen sind, etwa in der Gastronomie, dem Handel und dem Pflegebereich“, sagt Hötzinger.

Und auch Beschäftigte, die in der Nacht arbeiten, Kontrolltätigkeiten im Betrieb verrichten, im Callcenter Beschwerden entgegennehmen oder mit Menschen in Ausnahmezuständen, beispielsweise Alkoholabhängigen, zusammenarbeiten, seien eher gefährdet.

Abhängigkeiten fördern sexuelle Gewalt

Birgitt Haller vom Institut für Konfliktforschung sieht noch eine andere Gruppe von Betroffenen. „Oft trifft es natürlich Frauen, vor allem, wenn es um sexuelle Belästigung geht.“ Laut Haller liege das nicht nur daran, dass Frauen besonders häufig in der Dienstleistungsbranche arbeiten, sondern auch häufiger auf unteren Hierarchieebenen.

„Vielfach wird der Machtmissbrauch von oben auf die Hierarchieebenen nach unten weitergeleitet.“ Betroffene befinden sich also sehr oft in einer abhängigen Situation, was es „wiederum sehr schwierig macht, etwas dagegen zu unternehmen“, erklärt die Expertin.

Richtige Prävention

Von Gewalt betroffen zu sein hat Einfluss auf  die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit. Wie kann man also vorbeugen? Hötzinger sieht  die Betriebe  in der Verantwortung. „Die Ursachen für Gewalt liegen   oft an den strukturellen Rahmenbedingungen der Unternehmen, etwa Personalmangel oder Intransparenz.“

Es helfe deshalb durchaus schon, wenn Betriebe ihre eigene Kultur hinterfragen und gegebenenfalls optimieren. Kommt es wirklich zu Gewalt, sollten Arbeitgeber keinesfalls wegschauen, sondern aktiv Hilfestellung geben. „Arbeitnehmer müssen wissen, an wen sie sich wenden können. Das ist für den Umgang mit  gewaltbehafteten  Situationen essenziell.“

Autor: 
Theresa Kopper