Pensionslücke: Finden mehr Menschen Arbeit, wenn Boomer gehen?

Eine Pensionierungswelle rollt an, gleichzeitig gibt es viele Arbeitslose. Werden die freien Stellen ihnen helfen?

Die Zahl 65 markiert eine Grenze. Sie teilt die Gesellschaft – in Menschen, die das Pensionsantrittsalter erreichen und aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden – und jene, die voll im Berufsleben stehen. In den kommenden Jahren wird die Gruppe 65-Plus immer mehr an Gewicht gewinnen.

Seit heuer gibt es nämlich erstmals mehr Menschen über 65 als unter 20. Diesen Umstand verdanken wir den geburtenstarken Jahrgängen der 1960er Jahre, die die sogenannten Baby-Boomer hervorgebracht haben. Und den sinkenden Geburtenzahlen der darauffolgenden Jahrzehnte.

100.000 mehr Pensionisten

Diese Baby-Boomer gehen nun in Pension und lösen aufgrund ihrer Gruppengröße eine wahre Pensionierungswelle aus. „In normalen Jahren gehen grob 100.000 Menschen alters- und krankheitsbedingt in Pension“, erklärt die Ökonomin Christine Mayrhuber vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) im KURIER-Gespräch.

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Durch die Pensionierungswelle werden im Schnitt 100.000 Menschen mehr pensioniert als üblich. Das Jahr 1968 war eines dieser besonders starken Geburtsjahrgänge und dieser wird bis 2033 in Pension gehen, so die Ökonomin.

Weniger Beitragszahler

Das heißt, dass Österreich 2033 nur noch 5,23 Millionen Erwerbsfähige hat; gegenwärtig sind es 5,47 Millionen. Im Vergleich zu heuer sinkt die Erwerbsbevölkerung also um 240.000 Menschen und somit um 240.000 potenzielle Beitragszahlende.

Wir sind bereits in der Pensionierungswelle. „Bis in die 2030er Jahre werden die Pensionisten auf rund drei Millionen Menschen ansteigen“, prognostiziert Sozialwissenschafter und Pensionsexperte Bernd Marin im KURIER-Gespräch. „Es hat bereits 2019 begonnen, die nächsten 15 Jahre bis 2034 werden kritisch“, so Marin

Staatliche Zuschüsse steigen

„1950 kamen auf eine Person im Pensionsalter noch sechs Erwerbsfähige. Heuer sind es nur noch drei, im Jahr 2040 werden es nur noch zwei sein“, sagt Statistik Austria Generaldirektor Tobias Thomas. Dem gegenüber stehen die tiefe Rezession und hohe Arbeitslosenzahlen von 520.000 Menschen.

Eine unglückliche Situation für das Pensionssystem vor einer seiner größten Herausforderungen. Denn durch Arbeitslosigkeit entfallen Pensionsbeitragsabgaben. Die Zuschüsse des Staates werden damit noch größer ausfallen – bis 2024 sollen sich die jährliche Pensionszuschüsse auf 25,9 Milliarden Euro belaufen.

Chance für Arbeitslose?

Während vor Corona angesichts der Pensionierungswelle die besorgte Frage gestellt wurde: Wer macht die Arbeit, wenn die Boomer gehen? Gilt es sich nun hoffnungsvoll zu fragen: Könnte der Wegfall der Boomer eine Chance für die vielen Arbeitslosen sein?

Kurier/Gilbert Novy

Bernd Marin, Sozialwissenschafter und Pensionsexperte 

Die Antwort ist komplex, sind sich die Experten Marin und Mayrhuber einig. Es komme auf die Branche und die Qualifikation an.

Während man vor Corona noch gehofft hat, dass niedrig Qualifizierte leichter Jobs finden, wenn die Boomer gehen, weil so viele Jobs frei werden, weiß man nun, dass sich die Macht am Arbeitsmarkt gewendet hat.

Hoch Qualifizierte gefragt

Denn durch die Digitalisierungswelle und den Überschuss an Jobsuchenden rücken niedrig Qualifizierte keinesfalls automatisch auf Plätze der pensionierten Boomer nach, erklärt Christine Mayrhuber. „Man kann aber erwarten, dass Arbeitslose von der Pensionierungswelle profitieren. Nämlich dann, wenn sie sich durch Umschulungen und höhere Qualifikation abheben“, so die Expertin.

Auch der Sozialwissenschafter Marin bestätigt diese Annahme: „Fakt ist, dass durch die angespannte Lage am Arbeitsmarkt wahrscheinlich nur höher Qualifizierte und erfahrene Professionisten von der Pensionierungswelle profitieren.“ Ob das tatsächlich passiert, hängt von den Arbeitsmarktentwicklungen in den nächsten zwei bis drei Jahren ab.

Autor: 
Diana Dauer