Philosophie trifft Wirtschaft: Die Bewusstseinsrevolution

Warum Philosophie und die Auseinandersetzung mit sich selbst für den Wandel notwendig sind.

„Die Old Economy ist tot, die New Economy ebenso“, sagt der Wirtschaftsphilosoph Anders Indset und setzt sich mit seiner Quantenwirtschaft für ein anderes Wirtschaftssystem ein. Denn es wird höchste Zeit für eine neue Ära. Dazu müssen wir nur eines: Neu denken, beziehungsweise, wenn es nach Anders Indset geht, mit dem Denken wieder anfangen. Denn seiner Meinung nach handeln wir viel zu viel und nehmen uns viel zu wenig Zeit zum Denken.

Sinnsuche

„Nicht Corona ist das Problem, sondern unser Denken ist infiziert“, beginnt die Rede von Anders Indset, der von den Medien auch gerne als „Rock“n“Roll Plato“ bezeichnet wird. Der Wirtschaftsphilosoph wurde diese Woche zu einem Digital T-Breakfast geladen, einem Eventformat des Telekommunikationsanbieters Magenta.

Über 300 Interessierte hörten digital zu, wie er sich dafür einsetzt, die Philosophie und Psychologie in die Wirtschaft zu bringen. Nach dem Motto: Führungskräfte von morgen brauchen die Philosophie von gestern mit der Technologie von heute. Dazu stellt Indset den Menschen in den Mittelpunkt. „Wir müssen über die Menschen sprechen und wir müssen uns mit uns selbst beschäftigen – auf einer tiefer gehenden Ebene. Welches Potenzial hat jeder von uns und was für einen Sinn verfolgt er damit?“, sagt der gebürtige Norweger.

Magenta Telekom

Maria Zesch, CCO Business & Digitalization Magenta Telekom, Anders Indset, Wirtschaftsphilosoph, und Andreas Bierwirth, CEO Magenta Telekom 

Aber was ist überhaupt das Problem? Laut dem Wirtschaftsphilosophen haben wir einige Probleme und versuchen auch noch, so viele wie möglich auf einmal zu lösen. Aber lieber der Reihe nach:

Reaktionsgesellschaft

Wir handeln zu viel und denken zu wenig: Die Technologie hat uns bei vielen Dingen das Denken abgenommen. Google Maps ist ein gutes Beispiel hierfür. Statt sich, wie früher, eine Karte zu nehmen, sich hinzusetzen und zu überlegen, wie man mit dem Auto am besten von A nach B kommt, überlassen wir die Entscheidung der Technik. Wobei es hier nicht darum geht, welche Methode besser ist.

Es geht darum, dass wir die Entscheidung der Maschine nicht hinterfragen. Wir sehen auf den Bildschirm, sehen, das ist laut Google der schnellste Weg und rennen auch schon los. „Wir reagieren in der heutigen Zeit nur noch auf Impulse.“ Indset spricht hier von einer Reaktionsgesellschaft. Eine E-Mail kommt, wir antworten gleich darauf. Der Mitarbeiter fragt uns etwas, wir antworten ohne groß nachzudenken. Der Chef muss eine Entscheidung fällen – am besten gestern bitte. „Das macht müde.“

Ein Lösungsansatz für Manager wäre laut Indset beispielsweise, sich wöchentlich zwei Mal eine Stunde Zeit zu nehmen und in Stille zu reflektieren. Die Technologie ist die Antwort auf alles. Aber was sind die Fragen? „Wir brauchen eine Wissensgesellschaft, die wirklich versteht. Die ein hohes Bewusstsein hat und eine gute Wahrnehmung.“ Dazu müssten wir uns mit Themen tiefer auseinandersetzen, große Denker und Philosophen, aber auch Künstler in die Dialoge und Entscheidungen miteinfließen lassen und die Wirtschaft humanistischer machen.

In seinem Buch „Quantenwirtschaft“ schreibt Indset: „Wir brauchen eine Gesellschaft des Verstandes, die wir entsprechend unseren humanen Bedürfnissen bewusst gestalten – und nicht eine KI-optimierte, posthume Welt, in der die Lichter des Bewusstseins und der Aufklärung für immer erloschen sind.“

Jeder funktioniert nur

Wir dürfen nicht verletzbar sein: Wir leben in einer Gesellschaft, wo man keine Fehler machen darf. Alles muss (nach außen hin) perfekt sein. „Keiner spricht über die Unzufriedenheit, den Druck, den Stress. Jeder sieht nur zu, dass er funktioniert. Es muss okay sein, zu sagen: ’Ich weiß es nicht’. Unternehmer,

Politiker, Mitarbeiter, wir alle sollten das sagen dürfen: ’Ich habe keine Ahnung. Lass mich ein wenig darüber nachdenken, dann gebe ich dir eine Antwort.“ Indset sieht darin auch einen Schritt weg von den Hierarchien. Denn in Zukunft wird es nur mehr einen Chef geben und der ist das Projekt selbst. Dazu müssten wir das alte Denken in Rollen und Hierarchien verlassen. Auch der Fokus der Unternehmen sei derzeit noch ein falscher. „Der Fokus der Firmen liegt beim Output. Denn für den Output werden wir belohnt. Dabei müsste der Fokus auf den Input liegen“, so Indset.

Alex Kraus

Der Wirtschaftsphilosoph Anders Indset

Kein Vertrauen

Wir haben das Vertrauen verloren: Wir haben laut Indset kein Vertrauen mehr in die Systeme, sei es das politische oder wirtschaftliche. Aber auch das Vertrauen in unsere Mitarbeiter und Kollegen würde fehlen. „Es braucht wieder mehr Vertrauen in der Zusammenarbeit mit Menschen.“ Im Datenaustausch mit Geschäftspartnern beispielsweise. Weg von einer The Winner takes it all Mentalität hin zu einem gemeinsamen Schaffen mit mehr Mitgefühl.

Anders Indset spricht viele Themen an, er zitiert Philosophen und spricht sich für ein neues politisches System und neue Bildungsmodelle aus. Statt von einer Prüfung zur nächsten zu jagen, sollten wir in der Schule lernen zu lernen – um lebenslang wissbegierig und neugierig zu sein. „Wir sollten Kindern zeigen, wie man reflektiert, ihnen Werte beibringen, Selbstvertrauen und vor allem Wertschätzung“. Denn es brauche optimistische Menschen, mit einem Antrieb und einer offenen Haltung zur Welt.

Bei der Diskussionsrunde in den Räumlichkeiten von Magenta Telekom blieben aufgrund der Zeitknappheit auch viele Fragen offen. Wie schafft man wieder mehr Vertrauen in der Gesellschaft? Welche Modelle und Umsetzungen zeigen einen Weg auf zu mehr Mitgefühl? Und wie wird jeder einzelne bewusster? Antworten darauf liefert, zumindest teilweise, das Buch „Quantenwirtschaft“ von Anders Indset.

Autor: 
Claudia Weber