Regisseurin Barbara Eder: „Männer wie Frauen, empört euch“

Der zweite Gender Film Report des ÖFI zeigt, dass Frauen in der Filmwirtschaft stark benachteiligt sind. Ein Gespräch über Karriere, Sexismus am Filmset, die Wut der Frauen und die Ängste der Männer.

KURIER: Der aktuelle Film Gender Report zeigt, wie sehr Frauen in der Filmwirtschaft benachteiligt sind. Sind sie als erfolgreiche Regisseurin von diesen Erkenntnisse überrascht?

Barbara Eder: Ich habe nicht erwartet, dass wir die Gleichstellung erreicht haben. Dass das nicht der Fall ist, kriegt man ja mit. Aber ich war enttäuscht, wie langsam es geht. Ich war sehr betroffen über die Aussage, es wird noch Jahre dauern, bis es zu einer Gleichstellung kommt. In meiner Lebenszeit wird es vielleicht nicht mehr dazu kommen. Es tut sich viel, ja, es wird auf Frauen-Quoten gesetzt. Aber es dauert. Mein erster Gedanke war: „Empört euch, Männer wie Frauen.“

Nur jede zehnte Förderzusage im TV-Bereich und jede fünfte im Kino-Bereich ging an weiblich verantwortete Projekte (weibliche Regie, Produktion, Drehbuch). Projekte von Frauen werden meistens nur bei niedrigen Budgets, etwa im Nachwuchs gefördert. Im Oktober hat das ÖFI eine 50:50 Quotenregelung eingeführt. Viele weibliche aber auch männliche Regisseure haben daraufhin den Regieverband verlassen. Warum ist es nach dem Einführen einer Quote zu einer Spaltung im Verband gekommen?

Einer der Gründe, warum es zu einer Spaltung kam, war , dass hier Existenzängste krass zutage kamen, wenn man über Frauen-Quoten diskutiert hat. Das ist emotional besetzt und die Versammlungen waren sehr emotional. Kleinste Justierungen wurden schwierig. Das frustriert Frauen und auch Männer. Einige fühlten sich dadurch von ihrer Interessenvertretung nicht mehr verstanden.

Wo sehen Sie den Kern, warum werden eher männlich verantwortete Filme gefördert?

Es heißt immer, fördern, was gut ist. Aber wer sagt denn, was gut ist? Alles kann man rational erklären, aber letztendlich sind es unbewusste Entscheidungen einzelner. Da nehme ich Frauen nicht raus. Es ist eine Frage des Vertrauens, wen ich in der Regie, Produktion oder als Autorin ein erfolgreiches Projekt zutraue, vor allem wenn es um große Fördersummen mit einem hohen Risiko geht. Und momentan zeigt sich leider, dass man große Budgets eher Männern zutraut.

Sie haben Existenzängste angesprochen. Von welchen Ängsten ist die Rede?

Einige Männer haben ganz konkret die Angst geäußert, dass dann keine männlichen Autorenfilme mehr gemacht würden, bei denen Männer Drehbuch und Regie, vielleicht sogar Produktion übernehmen. Das ist aber Blödsinn. Natürlich wird es das geben. Und das muss es auch geben. Natürlich müssen aber auch Filme mit Frauen in Führungspositionen verstärkt gefördert werden.

Bei den Berufseinsteigern des österreichischen Films herrscht fast geschlechtliche Parität. Aber je höher in der Hierarchie, desto weniger Frauen findet man. Warum ist das so?

Es sind unbewusste Strukturen. Serien etwa haben Riesenbudgets, mit großen Risiken. Das muss gut werden und international verkauft werden. Bei Actionfilmen wird im ersten Moment mehr an Männer gedacht, die das inszenieren können. Ich mache mittlerweile große Filme, auch international. Da merke ich, was traut man einer Frau zu oder nicht. Je größer die Summen sind, je größer das Risiko, desto weniger Frauen findet man in Führungspositionen. Das hat mit Prägung und Altlasten zu tun, die in jedem und jeder sind. Ich muss das auch selbst reflektieren. Ich habe zum Beispiel immer viel mit Handkamera gearbeitet, da wurde gesagt, man braucht dafür auf jeden Fall einen starken Mann. Das sehe ich heute völlig anders. Diese Altlasten gehen quer durch alle Branchen, und bei uns ist das nicht anders.

Von außen betrachtet, wirkt die Kulturbranche häufig progressiver als viele andere.

Man ist leicht verführt zu sagen, dass wir die Intellektuellen und Künstler sind und ja sowieso so liberal und frauenfreundlich sind. Das ist nicht richtig. Alle müssen sich selbst an der Nase nehmen. Es ist ungerecht und es geht sich nicht aus. Auch wenn es an der Angst rüttelt, als Mann benachteiligt zu werden, muss hier trotzdem Empörung herrschen. Nur 25 Prozent der Filmförderungen gehen an Frauen und die Stabsstellen mit Entscheidungsmacht sind männerdominiert. Unter den geförderten TV-Serien gab es keine einzige Produzentin. Das muss sich dringend ändern.

Ist die Quote dafür die beste Maßnahme?

Es braucht Maßnahmen, auch wenn sie hart sind. Je härter, desto schneller. Je mehr Filme mit Frauen in Führungspositionen gemacht werden, desto mehr ist man es gewohnt und traut sie Frauen auch zu. Man muss aber auch inhaltlich quotieren. Historische Filme oder Actionfilme haben große Budgets und sind daher meistens männlich.

Haben Sie als weibliche Regisseurin Benachteiligung erfahren?

Ich mache das jetzt seit 20 Jahren. Ich bin sehr erfolgreich. Ich dreh für Netflix, ich dreh Actionfilme, ich dreh historisch. Und trotzdem kommt es immer wieder zu Situationen, wo mir der Gedanke kommt: Wäre ich jetzt ein Mann gewesen, hättest du mich dies nicht gefragt oder jenes nicht gesagt.

Autor: 
Diana Dauer