Sacher-Chef Matthias Winkler: „Roboter werden nie übernehmen“

Was Lehrlingen im Hotel Sacher geboten wird und warum die Digitalisierung gute Fachkräfte nicht ersetzen kann.

Das Sacher ist eine der besten Hotel-Adressen des Landes. Seit 1876 gibt es das familiengeführte Hotel in Wien, inzwischen zählen auch das Sacher in Salzburg und das Bristol zur Gruppe, ebenso Cafés in Innsbruck und Graz, Wien und  Parndorf. Mit 750 Mitarbeitern setzte die Gruppe zuletzt  fast 90 Millionen Euro um. 360.000 Torten bilden ein ordentliches Stück vom Umsatzkuchen. Matthias Winkler ist seit 2014 Geschäftsführer der Sacher-Gruppe. Er ist in der Hotellerie Quereinsteiger, hat Jus und Politologie studiert, war im Management bei McDonalds, Kabinettschef von Finanzminister Karl-Heinz Grasser, wechselte zurück in die Wirtschaft und dann in die Hotellerie. Er ist mit Sacher-Erbin Alexandra Winkler verheiratet.

KURIER: Suchen Sie Personal und wie viele offene Stellen haben Sie aktuell?

Matthias Winkler: Ja, wir suchen. 15 Personen im Sacher in Wien, fünf in Salzburg. Jede Stelle, die nicht besetzt werden kann, macht uns das Leben schwer. Wir sind also stark suchend in einem völlig ausgedünnten Markt. Bei den Lehrlingen haben wir jedes Jahr mehr Bewerber als offene Stellen.

Warum ist der Markt so ausgedünnt?

Das hat viele Gründe. Unsere Branche hat aber auch zu lange weggesehen und einer Entwicklung nicht gegengesteuert, die es schon lange gibt: wir leben in einer Freizeitgesellschaft, die uns in den Umsätzen hilft, nicht aber bei den Mitarbeitern. Denn auch sie wollen Freizeit. Gastronomie und Hotellerie passieren aber dann, wenn die anderen frei haben. Da ist es gerade bei den Jungen nicht leicht, zu rekrutieren. Hinzu kommt: gut ausgebildete Menschen erhalten auch aus anderen Branchen spannende Job-Angebote.

Hemmt Sie der Personalmangel?

Wir könnten mehr Geschäft machen, hätten wir mehr Mitarbeiter.

Wieso ist die Suche nach Lehrlingen einfacher?

Wenn man in diesen Beruf gehen möchte, ist eine Ausbildung in unserem Betrieb ein sehr guter Start. Wir versuchen aber auch, uns besonders zu bemühen. Der Lehrling wird nicht als günstige Arbeitskraft gesehen, sondern als zukünftiger Arbeitnehmer, dem man möglichst viel beibringt. Wir widmen uns den Lehrlingen deshalb besonders intensiv, lassen ihnen Freiräume wo sie zeigen können, was sie können. Auch die Teilnahme an Wettbewerben ist möglich.

Wie positionieren Sie sich als Arbeitgeber?

Das Wichtigste ist, die Wahrheit über den Beruf zu erzählen. Viele Traumkarrieren verschweigen den Weg dorthin. Und der ist, wie bei allen Karrieren, arbeitsreich. Wir versuchen in unserem Betrieb, die Belastung von Abend- und Wochenend-Diensten, fair zu verteilen. Zudem haben wir tolle Reisetätigkeiten und man hat bei uns Kontakt mit Menschen, die man sonst nicht treffen würde.

Sie sagen, wir gehen von einem Arbeitgeber- zu einem Arbeitnehmermarkt. Was bedeutet das?

Dass die guten Mitarbeiter sich längst den Arbeitgeber aussuchen. Köche, die gut kochen, gibt es viele. Aber solche, die gut kochen und wirtschaftlich verantwortlich sind, gibt es schon weniger. Ist ein Koch dann auch noch ein guter Teamleiter, ist er ein Star, der überall arbeiten kann.

Kann die Digitalisierung beim Fachkräftemangel helfen? Helfen künftig Roboter?

Das ist eines der großen Missverständnisse. Wir digitalisieren standardisierbare Prozesse in der Verwaltung. Niemals aber wird sich das Kundenservice von Robotern erledigen lassen. Das hat nichts mit dem 5-Stern-Erlebnis zu tun, das wir anbieten. Während des Aufenthalts sind es unsere Mitarbeiter, die das Sacher-Erlebnis verkörpern.

Sie sind ein Quereinsteiger in der Hotellerie. Nehmen Sie auch Quereinsteiger?

Ja, da sind wir tatsächlich offen. Ein Beispiel: Das Frühstücksservice ist ziemlich unbeliebt, weil es kein Trinkgeld abwirft. Aber: es bietet geregelte Arbeitszeit und das ist super etwa für Mütter. Also haben wir unseren Blick hier verändert und rekrutieren heute anders.

Wie würden Sie einem jungen Menschen einen Job in einem Hotel beschreiben?

Es gibt viel Abwechslung. Man ist ein Gastgeber und als solcher ein Botschafter des Hauses. Und: mit dieser Ausbildung steht einem die ganze Welt offen.

Die Lehre, ein Erfolgsmodell mit Zukunft

Die Lehre, das Ausbildungsmodell, für das sich rund 40 Prozent der Jugendlichen in Österreich entscheiden, bringt jährlich rund 40.000 neue Fachkräfte hervor. Fachkräfte, die vor allem im technischen und IT-Bereich heiß begehrt sind. Alexander Hölbl, Leiter der Berufsausbildung im Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandortgehört, gehört zum Experten-Beirat der Aktion Lehre-360°. Er erklärt, wie die Lehre zukunftsfit gemacht wurde.

Das österreichische Modell der dualen Ausbildung ist seit jeher ein Erfolgsmodell der heimischen Wirtschaft. Zudem international hoch angesehen. Warum? „Weil die Lehre mehr ist als eine Schule mit Betriebspraktikum. Sie ist auch mehr als eine Arbeit, wo man hin und wieder ist“, so Alexander Hölbl.

Die Lehre ist: ein durchkonzipierter Bildungsweg, der aus zwei Lernorten besteht, die einander ergänzen – Unternehmen und Schule; ein Bildungsweg, bei dem sich beide Ausbildner verantwortlich für das Fortbringen ihres Schützlings zeigen. Sehr wirtschafts- und  arbeitsmarktnah, aber auch eine Ausbildung der jungen Menschen, in der Schlüsselqualifikationen und Soft Skills vermittelt werden.   

Lehre als arbeitsmarktrelevante Ausbildung

Hölbl ist sicher, dass die Lehre als Ausbildungsmodell auch zukunftsfit ist – und zukunftsfit macht. „Sie ist eine wichtige, arbeitsmarktrelevante Ausbildung, ohne die die Wirtschaft schlechter dastehen würden.“ Dass die Lehre auf gute Akzeptanz stößt, sehe man auch an der Zahl der Lehranfänger, die aktuell wieder steigt. Rund  40 Prozent eines Jahrgangs entscheiden sich für die Lehre als Ausbildungsweg.  

Moderner und offener zeigt sich die Lehre durch Maßnahmen, die in den vergangenen Jahren gesetzt wurden. Die Inhalte wurden modernisiert. Man achte stärker auf die berufliche Handlungskompetenz. Heißt: die Ausbildung ist darauf fokussiert, was jemand im Beruf können muss. Seit etwa zehn Jahren laufe zudem ein Förderprogramm, das Lehrlinge eine kostenlose Vorbereitung auf die Berufsreifeprüfung ermöglicht.

Damit wurde der Bildungsweg nach oben durchlässig gemacht, de facto bis zur Universität. All diese Maßnahmen werten die Lehre auf: neben der Lehre mit Matura, gibt es die Meisterprüfung, Werkmeisterschulen, berufsbezogenen FH-Lehrgänge, Fachakademien an Wifi oder bfi. Auch „Erasmus für Fachkräfte“, ein betriebliches Praktikum in einem  EU-Land, komme bei den Jungen sehr gut an.

Das war Teil zwei der 360°-Lehre-Serie im KURIER. In den kommenden Wochen wird das duale Ausbildungsmodell im KURIER von allen Seiten durchleuchtet. Schluss- und Höhepunkt sind die WorldSkills am 31. August – die Berufsweltmeisterschaften – in Kazan, Russland. Wir werden dabei sein und von dort berichten!

 

Autor: 
Sandra Baierl