Spurlos verschwinden - geht das? Über untergetauchte Manager und wohin sie fliehen

Kann man in einer vernetzten Welt einfach untertauchen? Über geflohene Manager und warum die meisten bald wieder zurückkehren.

Jan Marsalek wählte die Flucht. Der COO von Wirecard wurde wegen   Betrugs am 22. Juni entlassen. Mehr als 3 Milliarden Euro sollem dem deutschen Zahlungsdienstleister fehlen, der Börsenkurs stürzte ab, das Unternehmen meldete Insolvenz an. Seit  Ende Juni ist der 40-jährige Österreicher untergetaucht – und aktuell  meistgesuchter Wirtschaftsboss Europas. Über seinen Aufenthaltsort wird viel spekuliert. Er soll auf den  Philippinen gewesen sein, auch von China  wurde berichtet, von Mauritius war die Rede, zuletzt kamen Weißrussland und Russland hinzu. Genauer Aufenthaltsort: zu Redaktionsschluss dieser Ausgabe unbekannt.

Flucht vor Schulden

„Jedes Jahr gibt es  tausende Untergetauchte bzw. Vermisste“, sagt  der Wiener Berufsdetektiv Markus Schwaiger. Unter ihnen viele Normalbürger, die  versuchen, spurlos zu verschwinden. Sie sind auf der Flucht vor Schulden, Strafen, der Ehefrau. Auch viele Jugendliche probieren, wegzulaufen. Und regelmäßig  sind es auch prominente Manager wie Jan Marsalek oder vor ihm Nissan-Chef Carlos Ghosn  (siehe Absatz weiter unten). 

Ein paar Monate  könnte man das schon schaffen, aber auf Dauer sei so eine Flucht fast unmöglich, so der Detektiv, der immer wieder   auf der Suche nach Menschen ist. „Irgendwann geht es in den meisten Fällen nicht mehr: Dann wird der Druck zu groß, die sozialen Kontakte fehlen, das Geld geht aus, der Leichtsinn kommt. Oder einfach nur: Sie halten es psychisch nicht mehr aus und tauchen wieder auf“, sagt Markus Schwaiger.

Engmaschiges Überwachungsnetz

Tatsächlich ist das Netz an Überwachung in der digitalen Welt engmaschig geworden. Laufend hinterlässt jeder Mensch  Spuren: beim Zahlen mit Bankkarten, mit dem Mobiltelefon, im Internet, bei Grenzkontrollen, auf Autobahnen durch das Kennzeichen. Regine Wieselthaler-Buchmann ist Leiterin der Abteilung „Internationale Polizeikooperation und Fahndung“ im österreichischen Bundeskriminalamt (BKA).

In ihren Bereich fallen Europol und die Zielfahndung, also die konkrete Verfolgung gesuchter Personen. „Im Schengen Information System kooperieren 30 Staaten miteinander, derzeit sind 92 Millionen Fahndungen ausgeschrieben“, so Wieselthaler-Buchmann. Es gebe zwar im Schengenraum (im Normalfall) keine Grenzkontrollen mehr, die internationale Polizeikooperation sei aber intensiv und schnell. Die Daten von Gesuchten sind von jedem Polizisten abrufbar, durch Rechtshilfeersuchen und Amtshilfe gibt es eine effiziente, internationale  Zusammenarbeit der Behörden.

Puzzle-Spiel

Die Zielfahndung  des BKA zieht bei der Suche alle Register:  das gesamte Leben eines Gesuchten wird aufgerollt. Alle Anhaltspunkte werden  wie ein Puzzle zusammengelegt, „und irgendwann ergibt sich ein Bild und man wird fündig“, erklärt Wieselthaler-Buchmann. „Innerhalb der EU ist untertauchen deshalb schwierig“, so die BKA-Expertin. Man müsse sich schon sehr weit weg begeben, den  Kontinent verlassen und alles kappen, um eine echte Chance zu haben.

Alles kappen: Das ist der wichtigste und sogleich schwierigste Faktor für eine Flucht. „Sie müssen Familie, Freunde, Bekannte, ihren Namen, ihr Aussehen, ihr Leben  – einfach  alles hinter sich lassen.  Sie   brauchen eine hundert Prozent wasserdichte, zweite Identität“, erklärt der Berufsdetektiv. „Aber wenn Sie mich jetzt fragen, wo man funktionierende, gefälschte Dokumente herbekommt, ich wüsste es nicht, obwohl ich die Branche kenne“, sagt er.

Bargeld, möglichst viel

Weitere wichtige Voraussetzung für eine Flucht: Bargeld, und zwar  möglichst viel  davon. Konten und Karten sind unbrauchbar. Nur mit viel Bargeld könne man sich eine neue Identität zulegen, Unterschlupf finden, Behörden bestechen, sich Schutz erkaufen. Wo das alles am besten geht? „In Ländern mit hohem Korruptionsgrad  – in Südamerika, Russland, den Philippinen, der Ukraine“, so Schwaiger. 

Viel Bargeld ist entscheidend – aber gleichzeitig ein Risikofaktor, der zum Verhängnis werden kann. Schwaiger: „Beim Geld gibt es keine Moral. Mit ein paar hundert Millionen kann man sich ein falsches Leben leisten  – es gibt dann aber viele Leute, die dieses Vermögen haben wollen. Jeder, der hilft, will nur das Geld. Vertraute werden zu Feinden.“ Sich ein Leben zu erkaufen sei sehr teuer und sehr gefährlich, sagt auch die Expertin vom BKA.

"Nie wieder"

Der forensisch-psychiatrische Gerichtsgutachter Reinhard Haller hat  mit Wiederaufgetauchten geredet:  „Die meisten sagen,  sie würden es nie wieder tun.  Ein Leben mit der permanenten Angst, entdeckt zu werden, macht auf Dauer chronisch gestresst, mittelgradig depressiv, schlaflos und psychosomatisch krank.“ Man hätte als Untergetauchter „das Gefühl des Spions in einer fremden Stadt, fühlt sich ständig beobachtet, entwickelt eine paranoide Angst.“

Das hielten die meisten Menschen auf Dauer nicht aus. Zudem gibt es in der Psychologie „das Strafbedürfnis aus dem Unterbewussten heraus“, erklärt Haller und verweist auf Sigmund Freud.  „Man gibt die Flucht auf, weil man spürt, dass man etwas wieder gut machen muss.“  

Geflohene, untergetauchte und gefasste ManagerInnen

Die Kombination von Macht, Geld und Betrug war in der Vergangenheit schon mehrfach der Grund spektakulärer Fluchtversuche. Aber wie kann ein Mensch in einer digital vernetzten Welt untertauchen? Tatsächlich lassen sich mithilfe des Internets leicht falsche Fährten legen und Desinformationen streuen. Über Carlos Ghosn, den Ex-Chef von Nissan, Renault und Mitsubishi, hielt sich etwa das Gerücht einer Flucht vor der japanischen Justiz in einem Kontrabass-Koffer. Mittlerweile ist bekannt, dass Ghosn in einem Privatjet über die Türkei in den Libanon geflohen ist. Dort sitzt er bis heute fest. Er soll Firmengelder für persönliche Zwecke verwendet und private Verluste auf den Autohersteller Nissan übertragen haben – er bestreitet die Vorwürfe.

Von der bulgarischen „OneCoin“-Erfinderin Ruja Ignatova hingegen fehlt seit ihrer Flucht 2017 jede Spur. Nachdem die „Krypto-Königin“ Anleger um vier Milliarden Dollar gebracht hatte, tauchte sie unter und wird seither vom FBI gesucht. Über ihren Aufenthaltsort streute Ignatova auf Facebook falsche Fährten, wo sie wirklich ist, weiß niemand.

Der „Abgang“ des Finanzchefs Qingyong Wu dauerte hingegen nur sieben Tage. Am 16. September 2014 bemerkte der Aufsichtsrat des chinesischen Schuhherstellers Ultrasonic, dass erstens der Finanzchef verschwunden war und zweitens rund 130 Millionen Euro in bar. Am 22. September meldete sich Wu telefonisch. Es sei alles ein Missverständnis, er habe bloß in Hongkong Urlaub gemacht und danach in Manila sein Handy verloren. Die geborgte „kleine Summe“ würde er zurück- zahlen. 2015 meldete der Hersteller Insolvenz an.

2009 türmten gleich zwei Manager: Der Ex- Griechenland-Chef von Siemens, Michalis Christoforakos und sein Stellvertreter, Christos Karavelas. Hintergrund war eine Schmiergeld-Affäre: Der Konzern soll 1997 70 Millionen Euro Schmier- gelder gezahlt haben, um an einen Großauftrag zu kommen. Die Manager flohen nach Bayern, Christoforakos versteckte sich bei einem Wirt in Rosenheim, Karavelas wollte nach Uruguay. Sie wurden gefasst und zu Haftstrafen verurteilt.

Autor: 
Sandra Baierl