Virologin Dorothee von Laer: "Momentan lebe ich isoliert"

Sie ist eine der lautesten Mahnerinnen vor dem Coronavirus, was sie zum Feindbild aggressiver Maßnahmengegner macht. Ein Gespräch über Aufmerksamkeit wider Willen, die Pflicht der Wissenschaft und wie man am Druck nicht zerbricht.

KURIER: Frau von Laer, als eine der renommiertesten Virologinnen des Landes blicken Sie auf eine erfolgreiche Wissenschaftskarriere zurück. Vor Ausbruch der Pandemie haben Sie sich bereits in Altersteilzeit befunden. Wie hat der Ausbruch der Pandemie ihr Leben verändert?

Dorothee von Laer: Da bin ich wieder vom Ausklingen in die volle Fahrt gewechselt. Danach war erst einmal wieder eine 80-Stunden-Woche angesagt. Ich habe am Anfang noch gehofft, dass es nicht ganz so lange geht. Insbesondere als die Impfung kam. Aber es zieht sich länger, als ich es gerne habe.

Sie haben sich zu einer der stärksten Mahnerinnen im Kampf gegen das Virus stilisiert. Wieso haben Sie sich diese mitunter undankbare Aufgabe aufgebürdet?

Das kam vielleicht so rüber. Was ich eigentlich machen wollte, war, die wissenschaftlichen Fakten möglichst so darzulegen, dass sie verstanden werden. Ich habe mich dazu verpflichtet gefühlt, mein Wissen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Ich werde ja auch vom Steuerzahler bezahlt.

Muss man also als Wissenschafterin auch Kommunikatorin sein?

Auf jeden Fall. Wenn die Fragen, die man bearbeitet, den Alltag der Menschen beeinflussen, wie in einer Pandemie. Dann muss man natürlich kommunizieren. Dazu ist man verpflichtet.

Die Wissenschaft ist zum Teil forscher aufgetreten, während Politiker noch herumlavierten. Wie gehen Sie mit dem Verhältnis zwischen Politik, Öffentlichkeit und der eigenen Verantwortung um?

Die Wissenschaft hat die akademische Freiheit, in der wir uns politisch unabhängig der Suche nach den Naturgesetzen widmen können. Das ist ein Privileg, aber es verpflichtet uns auch dazu, unliebsame Wahrheiten von uns zu geben.

Durch Ihre Auftritte haben Sie sich bei radikalisierten Querdenkern Feinde gemacht. Inklusive Anfeindungen und Morddrohungen. Sie zogen von Tirol ins Burgenland, trauten sich nur noch mit Perücke auf die Straßen von Innsbruck. Haben Sie Angst?

Momentan lebe ich isoliert, bewege mich wenig im öffentlichen Raum – auch weil ich so viel arbeiten muss, bin ich entweder im Büro oder Zuhause vor dem Laptop. So habe ich zumindest rein physisch meine Ruhe. Die Feindseligkeit mir gegenüber ist im Burgenland viel geringer. Meine E-Mail-Adresse ist nicht mehr öffentlich, dadurch hat die E-Mail-Flut abgenommen. Ich habe jetzt gelernt, damit umzugehen. Aber es gibt auch positives Feedback. Die kleine Minderheit, die einem das Leben schwer macht, ist sehr laut – aber sie ist eine Minderheit.

florian lechner voels

Wieso behandelt man Sie im Burgenland anders als in Tirol?

Die Maßnahmen in der Wintersaison sind wirtschaftlich für Tirol schlimmer. Die Deutschfeindlichkeit ist in Tirol ausgeprägter. Ich wohne in einer kroatischen Enklave im Burgenland, das ist stärker multikulti. Und es ist eine Weingegend, da sind die Menschen generell entspannter – das ist in Deutschland auch so (lacht).

Sie stehen seit Beginn der Pandemie an vorderster Front. Was haben Sie gelernt?

Ich habe hier das erste Mal in meinem Leben gelernt, mich aktiv herauszunehmen. Arbeit und Privatleben waren immer eins. Aber das ging nicht mehr. Erstens bin ich schon 63 Jahre alt. Und zweitens hat das mit der Öffentlichkeit ein Ausmaß angenommen, das zu viel war. Ich fange meistens schon um fünf oder sechs Uhr in der Früh an zu arbeiten, jetzt musste ich lernen, mir Zeit für mich zu nehmen.

Sie mussten sich im Herbst wegen einem klinischem Burnout in Behandlung begeben. War Aufgeben für die eigene Gesundheit jemals eine Option und wie lange machen Sie noch mit?

Nein, das Aufgeben war keine Option. Aber das besser Auf-sich-Achten. Ich werde zwar nicht jünger, aber ich gehe davon aus, dass wir nächsten Sommer das Gröbste überstanden haben, und ich dann kürzertreten kann.

Werden Sie dann Fernsehstudios, Pressekonferenzen und Labors den Rücken kehren?

Das wird hoffentlich im Laufe des Jahres passieren, damit ich dann 2023, wenn ich 65 werde, mein Institut nach dem Corona-Land-unter ordnen kann und in einem zukunftsfesten Zustand übergeben kann.

Noch eine Frage zum Glauben: Wie erreicht man jene, die den Glauben an die Wissenschaft verloren haben oder nie hatten?

Das ist alles eine Frage der Bildung. Man muss klarer machen, dass die Wissenschaft die Suche nach den Naturgesetzen ist und dem Verständnis der Zusammenhänge. Und dass es dabei Widersprüche geben kann aber, dass die Wissenschaft nicht lügt. Es ist wahrscheinlich sehr schwer Erwachsenen aus bildungsfernen Schichten noch die Wissenschaft nahe zu bringen. Da muss man in der Schule beginnen. Die Hardliner unter den Nicht-Geimpfte erreicht man nur noch durch die Impfpflicht.

Nach allem, was sie erlebt haben, würden Sie es wieder tun?

Ja, keine Frage.

Wer ist die Viren-Expertin?

Dorothee von Laer ist Medizinerin, Virologin,  Professorin und hat den Lehrstuhl für Virologie an der Medizinischen Universität Innsbruck inne. Von Laer ist die Tochter des deutschen  Physiknobelpreisträgers Klaus Hasselmann.  Die dreifache Mutter ist eine der wichtigsten virologischen Expertinnen.  

Autor: 
Diana Dauer