Warum wir wieder mehr reden müssen

Wir tippen, schreiben und chatten. Wie eMail und Chats die Kommunikation verändern und wann reden besser ist.

Manchmal braucht es die Übertreibung, um das Gemeinte besonders deutlich hervorzuheben. Die Karikatur der Maslow’schen Bedürfnishierarchie, die seit ein paar Jahren im Netz kursiert, macht das. Die pyramidenförmige Darstellung, ein Klassiker der Psychologie, zeigt, wie Internet und Handyaufladen zu unseren tiefsten Grundbedürfnissen geworden sind.

Erst dann folgen physiologische, wie Hunger und Durst – einst bildeten diese Dinge die erste Stufe. Dass ein Mensch heute im Alltag eher auf Nahrung als auf Smartphones verzichten kann, das konnte Abraham Maslow in den 1940-ern nicht ahnen. Es steckt ein Körnchen Wahrheit in der Karikatur. Sie zeigt, wie abhängig Menschen von Smartphones geworden sind.

Smartphones als Universalwerkzeug

Kommunikationsexperten wie Peter Vorderer von der Universität Mannheim sprechen gar von einem Universalwerkzeug. „Sie wurden zu einer wichtigen, fast notwendigen Voraussetzung, um kommunizieren zu können – privat wie beruflich“, so Vorderer, der in seiner Forschung Psychologie, Soziologie und Kommunikationswissenschaften verbindet.

Was feststeht, ist: Digitale bzw. Online-Kommunikation durchzieht unseren gesamten Alltag, unser gesamtes Berufsleben. Und weil Textnachrichten den großen Vorteil haben, schnell verfasst und abgeschickt zu werden, wird heute viel getippt, gechattet und gepostet. Auf Smartphones, Laptops, Computer oder Tablets. Über Facebook, Whatsapp, Telegram und neuerdings zunehmend über Signal.

eMail-Kommunikation: essenziell im Job

In der Geschäftswelt sind es nach wie vor eMails, die sich hartnäckig an der Spitze im Ranking berufsbezogener Kommunikationstools halten, zeigt eine Studie des Beratungsunternehmens HMP und der IMC Fachhochschule Krems. Seit den 1980-er Jahren sind sie essenzieller Bestandteil beruflicher Kommunikation.

Einer Umfrage des deutschen Digitalverbands Bitkom zufolge gehen im Schnitt 21 Mails pro Tag im beruflichen Postfach ein – drei Mal mehr als noch vor vier Jahren. Aber auch Chats werden im Arbeitskontext immer beliebter, berichtet Studienleiter Michael Bartz.

Viele würden Chats als angenehmeres „Anklopfen“ empfinden und weniger invasiv als Telefon-Anrufe oder eMails, so der Leiter des New World of Work Forschungszentrums an der IMC Fachhochschule Krems. „Wird ein unternehmensinterner Chat eingeführt, verlagert sich 15 Prozent der eMail-Kommunikation quasi über Nacht auf dieses Tool.“

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Kommunikationstrainer Willi Tschernutter rät für innerbetriebliche Kommunikation zu persönlichen Gesprächen

Die Vorteile von schriftlicher Kommunikation liegen auf der Hand: Sie belegt und protokolliert Besprochenes, hält schwarz auf weiß Vereinbarungen fest und sie ermöglicht, Informationen an mehrere Menschen gleichzeitig zu versenden. Was die Sicherheit der Kommunikationstools angeht – hier gibt es große Mankos.

Denn: Es wird nämlich nicht nur auf firmeninternen Kanälen kommuniziert. Häufig bilden sich auch externe Whatsapp-Gruppen, in denen Berufliches besprochen wird. „Das geht an der offiziellen Firmen-IT vorbei und ist hochgradig gefährlich“, so Bartz. Dass großteils digital kommuniziert und dabei über heikle Themen bedenkenlos gechattet wird, ist „gesamtgesellschaftlich erlernt“, so der Experte. „Digitale Kommunikation ist über alle Altersgruppen und Milieus hinweg voll akzeptiert.“

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Heißt das: Reden war gestern, heute wird getippt?

Nicht ganz. Obwohl Textnachrichten in der Kommunikation derart dominant sind, sind persönliche Gespräche für die meisten Arbeitnehmer nach wie vor der Grund, vom Büro aus zu arbeiten. Trotz aller Flexibilität, die durch Telearbeit und Homeoffice geboten wird.

Aus dem aktuellen Report der HMP und der IMC FH Krems ging hervor: Arbeitnehmer möchten nicht mehr als 1,2 Tage unterwegs arbeiten. „Der Flurfunk fehlt, die gelegentlichen Gespräche am Gang. Und die meisten wissen, Präsenz im Büro ist der Karriere zuträglicher“, so Studienleiter Bartz. Ein weiterer Grund sei auch, dass Zusammenarbeit über persönliche Absprache besser funktioniere. Ein gutes Brainstorming im Team kann auch vom besten Organisationstool nicht ersetzt werden.

Wer nicht sofort antwortet, ist erklärungsbedürftig

„Trotzdem“, betont der Mediensoziologe Peter Vorderer, „die allgegenwärtige Möglichkeit zu kommunizieren, hat unser Verhalten und unsere Erwartungen in der Arbeit und im Alltag stark beeinflusst.“ Ein Rückzug aus dem permanent verfügbaren Raum scheint für viele unmöglich.

„Wer heute über einen bestimmten Zeitraum nicht erreichbar ist, nicht auf Nachrichten reagiert, ist sofort erklärungsbedürftig und muss begründen, warum.“ In der Forschung wird dieses Phänomen kryptisch „POPC“ genannt.

„Der Mensch“, erklärt Vorderer, „denkt, fühlt, erlebt und handelt in der Erwartung, ‘permanently online, permanently connected’ zu sein. Jedes Kommunikationsloch muss gefüllt, auf jede Nachricht reagiert werden. „Wir reagieren aus der Situation heraus, reflektieren viel weniger, da der Moment des Innehaltens fehlt“, so Vorderer.

Reden ohne Ablenkung wird schwieriger

Übertragen auf unseren Arbeitsalltag bedeutet das vor allem Druck. Selbst, wenn zwei Menschen ein wichtiges Gespräch unter vier Augen führen möchten, passiert das kaum mehr in Abwesenheit eines Smartphones. Meist liegt es gleich mit auf dem Tisch und das Gespräch wird sofort unterbrochen, wenn eine neue Nachricht aufscheint.

„Ich glaube, den meisten ist nicht klar, wie sehr das in unsere persönlichen Beziehungen hineinspielt.“ Direkte, persönliche und vor allem ungestörte Gespräche sind nach Fazit vieler Experten im Alltags-, Arbeits- und Studienkontexten eine Situation, auf die sich nur mehr wenig Menschen völlig einlassen können.

Ungestörte, persönliche Gespräche gewinnen damit einen unglaublichen Wert. Denn Zeit ist ein Gut, das rar geworden ist. Und die Zeitfenster, die in der Omnipräsenz des Smartphones noch offen sind, werden mit jedem neuen Kommunikationskanal kleiner.

Autor: 
Ornella Wächter