Weiterbildung: Trotz hohem Stellenwert kürzen Firmen hier oft das Budget

Weiterbildung hat einen hohen Stellenwert, gleichzeitig setzen Unternehmen hier schnell den Sparstift an – nicht nur Corona-bedingt.

Weiterbildung ist kein Gebot der Stunde, sie ist es seit Jahren. Die Arbeitswelt ist konstant im Wandel, ausgelernt haben ArbeitnehmerInnen heutzutage nie. Wissen und beruflichen Fähigkeiten verfallen immer schneller und müssen ein Arbeitsleben lang auf den neuesten Stand gebracht werden. Über externe oder über betriebliche Weiterbildung.

Das Bildungsinteresse in der arbeitenden Bevölkerung ist hoch. So bestätigten in einer Bitkom-Befragung 92 Prozent der TeilnehmerInnen die Aussage, lebenslanges Lernen werde vor allem vor dem Hintergrund der Digitalisierung immer wichtiger, 89 Prozent erhoffen sich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, 88 Prozent verknüpfen Weiterbildungen mit Erfolg im Beruf.

Auch in Firmen wird Weiterbildung hochgehalten. Der aktuelle imh Weiterbildungsindex (WEBI), der jährlich misst, wie viel Zeit und Geld österreichische Unternehmen in Weiterbildung investieren, hält fest: Neun von zehn heimischen GeschäftsführerInnen und HR-Verantwortlichen halten Weiterbildung für wichtig.

Weiterbildungsbudgets werden reduziert

Die Bekenntnisse decken sich nicht mit der Realität. Denn der Index selbst liegt auf dem niedrigsten Wert seit Beginn seiner Erhebung. 2021 erreicht er 45,2 von 120 Punkten. Im Jahr 2020 lag er bei 53 Punkten, 2019 56 Punkte. Bildung gehört zu den ersten Posten, die eingespart werden.

Laut einer Studie der Plattform für berufsbezogene Erwachsenenbildung plante 2020 jedes vierte Unternehmen, sein Weiterbildungsbudget zu reduzieren, nur 16 Prozent dachten über eine Erhöhung nach. Den StudienautorInnen zufolge eine direkte Reaktion auf Covid-19.

Jutta Rump vom Institut für Beschäftigung und Employability nennt dieses Phänomen „Talking-Action-Gap“ – alle reden über Weiterbildung, wenige machen es. Daran sei nicht nur Corona schuld, so die Expertin, die Lücke habe es schon vorher gegeben.

„Obwohl die Bedeutung von Personalentwicklung für die Wettbewerbsfähigkeit wichtig ist, haben Investitionen in neue Technologien, Maschinen oder Vertriebssysteme gegenüber der Personalentwicklung oft Vorrang“, so Rump, die gemeinsam mit Silke Eilers, wissenschaftliche Projektleiterin am selben Institut, über die Zukunft des betrieblichen Lernens ein Buch geschrieben hat.

Ungleiche Verteilung

„Der HR-Bereich verschwindet zwar nicht völlig in der Versenkung. Aber die Finanzmittel fließen meist in die MitarbeiterInnengewinnung und -bindung und weniger in betriebliche Weiterbildung. Werden Mittel zur Weiterbildung zur Verfügung gestellt, werden sie eher auf Mitarbeiterebene gekürzt. Auf Führungsebene bleibt man großzügig – auch das wird im WEBI-Index ersichtlich.

„Wissen und Kompetenzen werden immer dort priorisiert, wo sie zu einem knappen Gut werden“ erklärt Rump. „Das sieht man auch in den Bereichen, wo sich enormer technologischer Wandel vollzieht – hier werden reihenweise MitarbeiterInnen weiterqualifiziert.“

Jene, die eine Umschulung oder Weiterbildung am nötigsten bräuchten, haben die geringsten Chancen darauf. In einer Studie des Weltwirtschaftsforums gaben nur 33 Prozent der Unternehmen an, jene Fachkräfte weiter zu qualifizieren, deren Jobprofile durch den technologischen Wandel wegfallen könnten.

Hausgemachter Talentemangel

Betriebe schneiden sich damit oft ins eigene Fleisch. „Wir leben in einer Welt, in der Geschäftsmodelle innerhalb kürzester Zeit über den Haufen geworfen werden und Firmen sich in einer permanenten Innovationsschleife befinden. All das setzt voraus, dass MitarbeiterInnen über Fähigkeiten verfügen müssen, um mit diesen Veränderungen mitgehen zu können.“

Viel Potenzial sieht die Expertin in der wachsenden Digitalisierung von Weiterbildungsangeboten. „Online-Lerninhalte sind „von Ort und Zeit entkoppelt und bieten schnelleres und zielgerichtetes Lernen“, so Rump. Zudem könne digitale Bildung gerechter verteilt werden, da sie leichter zugänglicher und kostengünstiger sei.

Autor: 
Ornella Wächter