Wertesuche mit Nadeln, Zwirn und Schmieröl.

Das Nähen liegt durch Corona im Trend. Wir haben beim Nähmaschinengeschäft Kastl+Reiter nachgefragt, was hinter dem Boom steckt.

Anzughose, Hemd und Krawatte, Brille auf der Nase. Auf dem Schoß liegen zwei Handtücher, "damit Fett und Öl nicht überall hin spritzen. Das ist eine Operation, diese Maschine ist vierzig Jahre alt“. Das Telefon läutet unaufhörlich, ständig kommen Anfragen.

Auf dem Arbeitstisch vor Erich Kastl, dem 77-jährigen Firmengründer und Nähmaschinenspezialisten, steht das Skelett einer alten Nähmaschine. "Diese Maschine wurde vermutlich noch von der Oma oder Mutter vererbt, man muss sie servicieren, dann näht sie noch Jahrzehnte.“ Und wieder läutet das Telefon.

Kurier/Gilbert Novy

"Mein Vater ist eine einzige Nähmaschine, eine Personifizierung. Er ist eins mit der Nähmaschine und könnte ohne sie nicht leben“, erzählt Sonja Kastl, die Tochter des Firmengründers. Sie arbeitet wie ihr Neffe, ihre Schwester und ihr Schwager im Familienbetrieb.

Das Nähmaschinengeschäft wird seit 54 Jahren mit großer Leidenschaft zu Nadel, Antrieb und Zwirn betrieben. Und es läuft gut – auch schon vor Corona. Mit dem Virus aber boomte das Geschäft. Die Nachfrage nach Nähmaschinen war extrem und unvorhersehbar, "nähen liegt im Trend, wie alle Handarbeitsgeschichten wie Stricken und Häkeln.

Aber dieser Andrang durch Corona war immens. Der Umsatz hat sich um das Drei- bis Vierfache gesteigert“, berichtet Sonja Kastl im KURIER-Gespräch.

"Die Leute standen Schlange. In der stärksten Zeit ging die Tür unaufhörlich auf und zu. Wie beim Bäcker. Drei, vier Kunden gleichzeitig. Es war die Hölle, da wir natürlich keinen direkten Kundenkontakt haben durften.“ Die Nähmaschinenexpertin erzählt von hunderten Mails, Käufen und Vorbestellungen auf die man nicht vorbereitet war. "Wir waren innerhalb einer Woche komplett ausverkauft, die Lager waren leer gefegt.“ Hätten sie nicht ohnehin wegen einer geplanten Messe mehr Produkte auf Lager gehabt, als üblicherweise, sie hätten den Ansturm nicht bewältigen können.

Auch die Zentrallager ihrer Zusteller waren leer. Denn einen ähnlichen Wunsch nach Selbstgenähtem gab es auch in Deutschland und der Schweiz. Es wurde bestellt und gekauft, was verfügbar war. "So haben wir noch nie gearbeitet.“

Aber wieso gerade das Nähen?

Kastl denkt, die Antwort zu kennen: "Es liegt an mehreren Aspekten, die das Nähen vereint. Besinnung auf das Ursprüngliche, Nachhaltigkeit, Qualität und Sicherheit.“ Die Menschen würden "kein Billigklumpert aus dem Ausland mehr importieren wollen“, sondern die heimische Wirtschaft und die Umwelt stärken.

"Bilder, wie Tonnen an Farbe ins Meer fließen, Menschen und auch Kinder in Fabriken unter grauenvollen Umständen arbeiten, schärfen unser Besinnen auf Ursprüngliches.“ Denn das Nähen sei in der Krise auch eine Wertesuche gewesen.

Außerdem...

"Nähmaschinen schenken in Krisenzeiten Sicherheit. Wenn alle Stricke reißen, kann ich mir aus einem Geschirrtuch eine Unterhose nähen. Man wusste ja nicht, wie lange alles heruntergefahren wird. Für die Masken wurde jeder übrig gebliebene Stofffetzen genutzt.“ Das Nähen von Kleidung und Masken sei etwas Handfestes. Ähnlich dem Brotbacken. "Die Leute haben nicht Kuchen gebacken, sondern Brot. Das steht für die Fähigkeiten, sich selbst zu versorgen.“ Außerdem haben sich viele Unternehmer mit dem Nähen von Masken über Wasser gehalten.

Die Nähmaschine hat im Alltag Einzug gehalten und ist wieder gekommen, um zu bleiben. Die Nachfrage sei zwar leicht zurückgegangen, aber die Menschen, so vermutet die Näh-Spezialistin, werden nun immer mehr Kleidung selber nähen und eventuell für eine weitere Viruswelle Stoffe einlagern.

Hier sei ein Umdenken, kein kurzfristiger Trend entstanden. Das spürt der Familienbetrieb mit 60-jähriger Erfahrung. Mittlerweile sitzt neben dem 77-jährigen Kastl sein 30-jähriger Enkel, Julien Begnis, an den zu servicierenden Maschinen. Helfend wir an den besonders festen Schrauben gemeinsam Hand angelegt. Wenig später rattert die 40 Jahre alte Maschine wieder geschmeidig, der 77-jährige Experte ist stolz: "Diese Maschine wird noch lange laufen.“ Wieder läutet das Telefon, wieder eine Anfrage, wieder eine Nähmaschine verkauft.

 

Kurier/Gilbert Novy

Autor: 
Diana Dauer