Energiekrise treibt Firmen in alternative Energien

Die Not ist groß: Energiepreise drängen Firmen an den Rand ihrer Existenz. Der Staat unterstützt, klebt aber nur Pflaster auf offene Wunden und das auch noch viel zu breit, warnen Ökonomen. Genug der Abhängigkeit, sagen Firmen, und rüsten jetzt um. Mit hohen Investments und starken Ergebnissen.

Das Projekt Energieumstieg für Dampfproduktion ist bereits gestartet – die geschätzten Gesamtkosten belaufen sich in etwa auf 500.000 Euro: Manner-CEO Andreas Kutil wartet nicht länger. Über 80 Prozent des Manner-Energiebedarfs ist von Gas gedeckt – dennoch hat man Möglichkeiten gefunden, mit Investitionen bis zu 50 Prozent Gas einzusparen. Konkret bedeutet das, in der Dampfproduktion künftig auch auf Öl zu setzen.

Manner/Noll

Im Bereich des Backens ist man bei Manner zu über 80 Prozent auf Gas angewiesen

Der Wunsch nach mehr Gas-Unabhängigkeit zeigt sich nicht nur beim Süßwaren-Hersteller: Drogeriemarkt dm dreht in seinen Zentralen den Gashahn zur Gänze ab, Holzwerkstoff-Erzeuger Egger legt lieber einen Werksstillstand von drei Tagen ein, als erneut auf fossile Energie zurückzugreifen. Zwei Beispiele von vielen.

Um spontane Maßnahmen handle es sich dabei vermutlich nicht, betont WIFO-Umweltökonomin Angela Köppl: „Vielen Unternehmen war schon vor der Energiekrise bewusst, dass die Klimakrise Veränderungen erfordert. Jetzt ist zum längerfristigen Motiv ein beschleunigendes Momentum hinzugekommen.“

Dennoch: Die Abhängigkeit der Wirtschaft vom Gas ist groß und der Schrei nach Fördergeldern laut. Die Regierung sucht nach Lösungen und präsentiert nach dem Gasdiversifizierungsgesetz, das Unternehmen schon im Sommer Mittel versprach, jetzt den Energiekostenzuschuss mit einem Fördervolumen von 1,3 Milliarden Euro. Das Geld soll noch heuer fließen, allerdings nur unter Bedingungen. „Man spricht hier von Energie-Audits. Heißt, der Staat gibt das Geld, darf dann aber in Unternehmen hineinschauen und ihnen sagen, wie sie zu wirtschaften haben. Das ist extrem kritisch“, so Jan Kluge von der Agenda Austria.

Der Ökonom sieht den Zuschuss viel zu breit angelegt: „Besser wäre es, die Preise wenigstens zum Teil wirken zu lassen. Man entkoppelt die Energiekosten des Unternehmens nicht vollkommen von der Marktentwicklung und gibt Anreiz, möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Das führt dazu, keine Verbote zu brauchen.“

Hannah Schierholz

Den Preis zumindest teilweise wirken lassen, schlägt Jan Kluge der Agenda Austria vor

Effiziente Maßnahmen sucht Kluge auch auf europäischer Ebene. Etwa, was den gemeinsamen Gaseinkauf betrifft oder Änderungen an der Stromarchitektur: „Europa war beeindruckend stark, als es um die Sanktionspakete ging. Da war man geschlossen und verabschiedete ein Paket nach dem anderen. Aber dann hat man die Kraft verloren. Die gemeinsame Gasbeschaffung hängt seit Monaten in der Warteschleife.“

Was also macht Europa gerade? Nachdem 15 EU-Staaten auf einen Gaspreisdeckel gedrängt haben, gibt es jetzt einen Vorschlag: Dieser inkludiert einen Maximalpreis für russisches Gas sowie einen Deckel auf den Gaspreis in der Stromerzeugung. Parallel dazu warnt die Kommission vor negativen Auswirkungen. Bei einer Außerordentlichen Tagung hat die EU weiters entschieden, dass Übergewinne von Energieerzeugern abgeschöpft werden sollen. Der Grenzwert liegt bei 180 Euro je MWh. Im Verbund begegnet man der Idee mit einem Gegenvorschlag: Nämlich das Merit-Order-Modell mit einem neuen Höchstpreis zu überschreiben.

Alexander Müller

WIFO-Umweltökonomin Angela Köppl verortet jetzt umgesetzte Maßnahmen schon länger in der Pipeline

Wie aber geht es jetzt für die Unternehmen weiter? „Fakt ist: Förderungen, die jetzt aus sozial- oder wettbewerbspolitischen Überlegungen sowohl auf Unternehmens- als auch auf Haushaltsebene erfolgen, sind zum Teil Förderungen von fossilen Energieträgern“, kritisiert Angela Köppl. Hinzukommt, dass eine dauerhafte Subventionierung der Wirtschaft nicht funktionieren kann.

„Bis vor einigen Jahren war es völlig klar, dass in einer Wirtschaftskrise auch Unternehmen pleitegehen. Wir haben uns das ein wenig abgewöhnt durch die Bankenkrise und die Coronakrise. Hier war es selbstverständlich, dass der Staat für Entschädigungen aufkommen muss“, so Kluge.

Eigenverantwortung sei also gefragt. Gar keine Einsparungsmöglichkeiten zu haben, sieht Kluge als unwahrscheinlich: „Auch wenn man auf der Beschaffungsseite wenig Handlungsspielraum hat, kann sehr wohl überlegt werden, wie Energie günstig oder effizient eingesetzt und Produktionsweisen dahingehend verändert werden können, um möglichst wenig Gas zu benötigen.“ Dass das einige Unternehmen bereits gemacht haben, steht außer Frage. Und doch habe man laut Kluge den Eindruck, dass viele weiterhin bevorzugen, auf Finanzpflaster zu warten, die nicht helfen umzurüsten, sondern einfach die Energierechnungen bezahlen. „Es wäre problematisch, wenn diese Abwarte-Taktik erfolgreich gewesen sein soll.“

Die Umsteiger:

Von Gas und Staat unabhängig: Diese Firmen investieren und rüsten auf alternative Energien um. Sie sparen damit langfristig bares Geld und tun Gutes für die Umwelt. 

dm/Wolfgang Lienbacher

Expansion-Managerin Andrea Renezeder und dm-Geschäftsführer Thomas Köck


73 Prozent aller dm-Filialen laufen ohne Gas

  • Das Unternehmen: dm
  • Die Strategie: Mittels Geothermie und Solarenergie fast zur Gänze gasfrei werden
  • Das Ziel: Unabhängige Energieerzeugung sowie Umrüstung der 386 Filialen 

dm dreht den Gashahn zu: vor elf Tagen erklärt sich der Drogeriemarkt unabhängig von fossilen Energien. „Wir verfügen jetzt schon über genug Filialen, die nicht vom Gas abhängig sind. Somit können wir eine Versorgung flächendeckend über ganz Österreich gewährleisten“, erklärt Michael Cermak, Ressortleiter Expansion. Über 90 Prozent des Filialnetzes werden umgerüstet, bei 73 Prozent ist das bereits passiert. „Was den Filialbetrieb betrifft, investieren wir jedes Jahr rund 30 Millionen Euro in die Weiterentwicklung“, so Cermak.

Zusätzlich wurden jetzt das Verteilerzentrum Enns als auch die neu bezogene Salzburger Zentrale auf Geothermie und Solarenergie umgestellt. Das spart rund 1.300 Tonnen  pro Jahr. „Beim Ausstieg aus Gas geht es uns um ökologische Aspekte, um Versorgungssicherheit und Kalkulierbarkeit“, sagt Geschäftsführer Thomas Köck. Herausforderungen gibt es beider Fotovoltaik, denn in den Filialen ist man Mieter, nicht Eigentümer. Dennoch versuche man, den Filialbestand künftig auch im Bereich der Stromerzeugung nachhaltiger zu gestalten. 

Egger

Egger beliefert an seinem Standort in St. Johann in Tirol 1600 Haushalte mit Energie


Noch mehr Energie für umliegende Gemeinden

  • Das Unternehmen: Egger
  • Die Strategie: Mit zweitem Biomassekessel sowie Anlage zur Kraft-Wärme-Kopplung fossile Brennstoffe gegen Null reduzieren
  • Das Ziel: Generierung von120.000 MWh Energie und weitere 15 Prozent Gas-Einsparung

Mit seiner ersten Energie-Offensive, die zwischen 2007 und 2009 umgesetzt wurde, schaffte es Holzerzeuger Egger in St. Johann, 80 Prozent fossile Energie einzusparen. Ein neues Projekt befindet sich jetzt in Prüfung und soll bei Genehmigung Anfang 2025 in Betrieb gehen. „Bei Umsetzung des Projekts wäre es möglich, mindestens 70 Prozent Eigenstrom zu erzeugen und weitere 50.000 MWh Wärmeenergie für die Fernwärmeversorgung der Gemeinden zur Verfügung zu stellen“, sagt Werksleiter Albert Berktold.

Darüber hinaus sollen jährlich weitere 7.000 Tonnen eingespart werden. Möglich macht das die Installation einer neuen Anlage sowie mehr recyceltes Altholz in den Spanplatten. „Im Aufbereitungsprozess fällt feinteiliges Material ab, das wir in der Spanplattenproduktion nicht mehr sinnvoll verwenden, jedoch thermisch einsetzen können.“ Einer Nicht-Genehmigung sieht Berktold gelassen entgegen: „Einen Plan B gibt es nicht –   wir gehen davon aus, dass wir ihn umsetzen werden.“ Um bis dahin nicht auf fossile Energien zurückzugreifen, setzte Egger  Maßnahmen: „Aktuell haben wir die Wartung des bestehenden Biomassekessels am Standort in St. Johann von üblicherweise 10 bis 12 Tagen auf 3 Tage gekürzt. Während dieses Stillstands würden die restlichen Produktionsanlagen mit fossilem Gas versorgt werden, weshalb wir entschieden haben, sie während dieser dreitägigen Wartung vom Netz zu nehmen.“ 

Viennamotion KG

Der Ausbau des Glasfasernetzes soll den Stromverbrauch bremsen


Künstliche Intelligenz für mehr Effizienz

  • Das Unternehmen: A1
  • Die Strategie: Höhere Energieeffizienz durch Glasfaser, Photovoltaik-Anlagen
  • Das Ziel: A1-eigenen Stromverbrauch reduzieren und nicht mit Datenverbrauch korrelieren

Der A1-eigene Stromverbrauch hat sich um vier Prozent erhöht – ein Wert, den der Telekommunikationsanbieter jetzt zu reduzieren versucht. „Einer der größten Treiber ist hier der Datenverbrauch, der um 29 Prozent gestiegen ist“, erklärt Raffaela Ortner, Head of Group ESG Strategy. „Damit doppelter Datenfluss nicht doppelte Energie bedeutet, setzen wir mitunter auf Glasfaser, die viel energieeffizienter ist als herkömmliche Technologien.“

Weitere Einsparungsmöglichkeiten bieten Mobilfunkfrequenzen. „Intelligenter Netzwerkbetrieb bedeutet, den Verbrauch der Nachfrage anzupassen.“ Hier kommt Künstliche Intelligenz zum Einsatz, die den Verbrauch beobachtet und Frequenzen zu Nicht-Spitzenzeiten pausiert. Auch  im Bereich der Strombeschaffung hat A1 Maßnahmen gesetzt, die zu minus 20 Prozent Emissionen geführt haben: „Möglich gemacht hat das die Eigenproduktion mit Fotovoltaik sowie der Abschluss neuer Tarife in unserem Stromeinkauf. Wobei es national viel einfacher war, auf Grünstrom-Anbieter zurückzugreifen, als international.“

ÖBB/Meike Klock-Thudt

ÖBB-Geschäftsbereichsleiterin Energie Tanja Kienegger und ÖBB-Projektleiter Harald Krottenthaler eröffnen neue PV-Anlage am Matzleinsdorfer Platz


Eigener Bahnstrom

  • Das Unternehmen: ÖBB 
  • Die Strategie: Mehr Fotovoltaik-Großanlagen auf Werkstättendächern
  • Das Ziel: Mehr eigenproduzierter Strom für mehr Energieunabhängigkeit 

Über 7.000 Quadratmeter erstreckt sich die jüngste Fotovoltaikanlage der ÖBB auf dem Matzleinsdorfer Platz. Nach Inzersdorf ist das die zweite Großanlage, die innerhalb weniger Wochen in Betrieb geht. „Die aktuelle Energiekrise hat diesen Weg, den wir eingeschlagen haben, eindrücklich bestätigt“, sagt Tanja Kienegger, Leiterin Energie. „Daher werden wir bis 2030 rund eine Milliarde Euro in den Ausbau der erneuerbaren Energiegewinnung investieren und den Anteil an eigenproduziertem Strom auf über 40 Prozent heben.“

Insgesamt betreiben die ÖBB 45 Fotovoltaikanlagen: diese produzieren 10.000 MWh grünen Strom. Und: „Derzeit wird unser erstes Windrad errichtet, das Bahnstrom erzeugt und direkt in die Oberleitung einspeist. Zusätzlich setzen wir auf Repowering unserer Wasserkraftwerke.“ So wurde das Kraftwerk Spullersee nach Modernisierung wieder in Betrieb genommen. 

Autor: 
Jennifer Corazza