Wolkersdorf im Wandel

Ortskerne müssen belebt, der Zuzug reguliert und Wohnungen gebaut werden. Wie bewahrt man dabei den dörflichen Charakter?

„Grüß Gott Herr Knoll, ein Achterl?“ „So schaut’s aus“, sagt der Angesprochene, der gerade in die Stube vom Stadtwirt in Wolkersdorf tritt. Draußen pfeift das Sturmtief „Petra“ über den Dorfplatz, drinnen ist es warm und behaglich. Nicht alle trinken Wein, um 11 Uhr vormittags wird hier auch die Suppe vom Mittagsmenü gegessen. In Wolkersdorf scheint die Welt in Ordnung zu sein.

Einen Kilometer weiter ist es für Gastronomen schwieriger. Erst vor ein paar Monaten gab der Pächter des schick sanierten „s’Obersdorfer“ auf. Das Wirtshaus in der Hauptstraße 56 sollte eigentlich das Ortszentrum wieder beleben. Knapp zwei Jahre nach der Eröffnung ist es damit jedoch auch schon wieder vorbei.

Ortskerne wieder beleben

In ganz Niederösterreich kämpfen Ortschaften mit diesem Phänomen. Laut der niederösterreichischen Wirtschaftskammer stehen in einigen Orten bis zu 30 Prozent der Wohn- und Wirtschaftsgebäude leer. Häufig wird versucht, durch Einzelhandel, Gastronomie oder Wohnungen wieder Leben in die Leerstände zu bringen.

Dasselbe erhoffte sich die Ex-Bürgermeisterin Anna Steindl für den Ortsteil Obersdorf. Mit der Neueröffnung des seit den 80ern zugesperrten Gasthauses sollten die Bewohner wieder einen sozialen Treffpunkt bekommen. Das Schicksal des Wirten zeigt, dass so eine Revitalisierung allerdings kein einfaches Unterfangen ist.

Mal Stadt, mal Dorf

Wer nach Wolkersdorf fährt, bekommt einen gemischten Eindruck. Es ist mal Stadt, mal Dorf. Zum einen wird überall auf den angrenzenden Wirtschaftspark Ecoplus hingewiesen, dem wirtschaftlichen Aushängeschild der Region.

Ecoplus

Mit über 2.200 Mitarbeitern und 107 Unternehmen gilt der Wirtschaftspark Ecoplus als Zugpferd im Weinviertel

Über 100 Unternehmen, darunter namhafte wie Manner, Kotányi oder Velux, haben hier ihren Standort. Das Industriegebiet bietet rund 2.200 Menschen Arbeitsplätze. Zum anderen stechen mitunter unerklärliche Öffnungszeiten in der Einkaufsstraße in Wolkersdorf ins Auge. „Montag und Dienstag Ruhetag“, steht auf der Tür des Konditors.

Coworking für lokale Vernetzung

„Am Land braucht man einen langen Atem“, erklärt Nathalie Aubourg das unternehmerische Tempo am Land. Die selbstständige Grafikerin ist Obfrau des ersten Coworking-Vereins der Gemeinde. Dieser wurde zeitgleich mit der Eröffnung des (wieder zugesperrten) Wirtshauses gegründet – im Stockwerk darüber. Das Gemeinschaftsbüro hat sich bisher wacker geschlagen. Vor zwei Jahren wurde das Coworking-Projekt in der Gemeinde ausgeschrieben.

Wächter Ornella

Der erste Coworking-Space in Obersdorf wird von Karl Glonig, Nathalie Aubourg und Manfred Rack (v.li.) ehrenamtlich betreut

Man war überrascht, wie groß der Bedarf nach Gemeinschaftsbüros tatsächlich war. Rasch fanden sich zehn Personen aus dem Umkreis, die bis dahin in den Wohnzimmern ihrer Einfamilienhäuser gearbeitet hatten. Mit der Kampagne „Homeoffice zu klein?“ wurde nach weiteren Selbstständigen in der Region um Wolkersdorf gesucht.

Heute nutzen um die 23 Mitglieder den „Coworking-Space-Obersdorf“, darunter IT-Spezialisten, Rechtsanwälte, Web-Designer und sogar zwei Masseure. „Wir bieten hier eine Plattform zum Vernetzen für Ein-Personen-Unternehmen“, erklärt Nathalie Aubourg, die das Gemeinschaftsbüro gemeinsam mit Karl Glonig und Manfred Rack eheramtlich betreut.

Balanceakt: Stadt oder Dorf?

Wolkersdorf ist in einer Selbstfindungsphase. Man ist darum bemüht, den Bogen zwischen ländlicher Struktur und Kleinstadt am Land zu spannen. „Wir versuchen, die Balance zu halten“, sagt Bürgermeister Dominic Litzka.

Die Infrastruktur ist ausgebaut, alle 15 Minuten fährt eine S-Bahn nach Wien. Aber Wolkersdorf ist seit Jahren mit einem starken Zuzug konfrontiert, es herrscht starke Nachfrage nach Wohnraum, zudem verteuern sich die Grundstückspreise.

Einer der Gründe ist die Fertigstellung der A5 vor zehn Jahren. Die Autobahn sorgte für eine Entlastung der Gemeinde, durch die früher der gesamte Berufs- und Güterverkehr rollte. Nun sei es ruhiger, gleichzeitig sei der Gewerbepark besser erreichbar und habe für enormen wirtschaftlichen Aufschwung in der Region gesorgt, so Litzka.

Der Coworking-Space bringt also genau jenen sanften Wandel, den sich der Bürgermeister für die Gemeinde wünscht. Ende Februar passiert wieder etwas in Obersdorf: Ein Gasthaus wird eröffnet.

Autor: 
Ornella Wächter